Wir werden immer weitergehen

Die Summe der einzelnen Teile

Kinostart: 1.11.2012 | Philipp Bühler | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wo fing das an, was ist passiert? Wie alles rund um die Musikszene der frühen 1990er ist die einfache Frage der Band Die Sterne ("Was hat dich bloß so ruiniert?") ganz schrecklich kompliziert. Mit Hamburg liegt man zunächst nicht falsch. Zwischen Kunsthochschule und Absturzkneipen konnte dort circa nach der Wiedervereinigung eine selbstredend sehr ausdifferenzierte Subkultur auf sich aufmerksam machen; unter Umständen befreundete Bands wie Blumfeld, Tocotronic oder eben Die Sterne erspielten sich zumindest vorübergehend Relevanz. Solche Begriffe waren jedoch stets umstritten, genauso wie die Bezeichnung "Hamburger Schule" oder das verallgemeinernde Wir. Man, wie es stattdessen gern hieß, wollte zu gar nichts gehören, schon gar nicht zu irgendeiner deutschen Szene oder überhaupt zu Deutschland, bloß weil man Deutsch sang. Dabei stand man durchaus in einer Tradition, die von älteren Punkbands wie den Goldenen Zitronen oder Abwärts begründet worden war. Zwischen erklärter Dissidenz und heimlicher Suche nach Anschlussfähigkeit ging das eine Weile gut, dann zogen recht viele in die eigentlich verhasste deutsche Hauptstadt, nach Berlin.

In Berlin wird heute vieles lockerer gesehen, doch ein Grundproblem von "Wir werden immer weitergehen" bleibt die lose Struktur. Bereits um 2004 herum haben die Filmemacher George Lindt und Ingolf Rech ihre Interviews geführt, mit nahezu allen bekannten Namen: Die Berliner Stereo Total und Britta kommen ebenso zu Wort wie die Hamburger Helden von Rocko Schamoni, Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen) und Frank Spilker (Die Sterne) bis Dirk von Lotzow (Tocotronic). Nicht ausgelassen werden die Betreiber legendärer Konzertorte, Plattenläden und Labels (Kitty-Yo, L'age d'or). Was fehlt, ist neben Blumfeld eine Verbindung untereinander. Gemeinsam scheinen nur die besprochenen Probleme von Rockmusik als Beruf, dem Verzicht auf ökonomische Sicherheit in einem prinzipiell feindlichen Umfeld oder der Sorge nach der Zeit danach. Welch wichtige Rolle aber etwa ein Label-Pionier wie Alfred Hilsberg (ZickZack, What's So Funny About –) für zahlreiche dieser einzelnen Musiker einnahm, ist für Nicht-Eingeweihte schwer zu erkennen. Kurz gesagt, mehr als "Die Summe der einzelnen Teile" (Kante) bringt auch der Film nicht zusammen.

Schlau und lustig wird es immer dann, wenn Christiane Rösinger (Britta, vormals Lassie Singers aus Hamburg) auftritt. Auch Schamoni und Kamerun sind gemeinsam so witzig wie privat völlig unterschiedlich. Doch wie lange kann es so weitergehen? In einem Nachklapp mit neueren Interviews wird deutlich, wie viele der nur noch teilweise musizierenden Künstler heute ihr Geld mit Büchern verdienen. Zum Glück, denn "der Musikjournalismus wird ja auch immer blöder" (Rösinger). Ein gleichnamiges Buch gibt es übrigens auch zum Film. Wer hingegen wissen will, wie herrlich verkopft, roh und uneinverstanden diese letzte deutsche Gegenkultur einmal geklungen hat, kriegt hier in einigen Konzertmitschnitten zwar einen ersten Eindruck, muss aber eigentlich die Platten hören.
Philipp Bühler

Wir werden immer weitergehen (Dokumentarfilm), Deutschland 2012, Buch & Regie: George Lindt, Ingolf Rech, mit Tocotronic, Atari Teenage Riot, Stereo Total, Die Sterne, Britta, Die Goldenen Zitronen, Rocko Schamoni u.a., 93 min, Kinostart: 1. November 2012 bei Lieblingslied-Records

Foto: © Lieblingslied Records







Kommentare

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Was bisher geschah...

Film

Hallo Philliph, schade dass Du auf das Buch gar nicht eingehst... Das hätte doch vieles geändert

George | 5. November 2012   22:20

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