Die Vermessung der Welt

Jahrmarktsvergnügen

Kinostart: 25.10.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als alte Männer, längst berühmt und fast vergessen, stehen Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt vor einem Fotografen. Es ist ihre erste Begegnung seit ihrer Kindheit, und Gauß hält es kaum aus: Das Foto für die Nachwelt, um genau zu sein eine Daguerreotypie, benötigt zehn Minuten. Solange kann der Mathematiker, der sein ganzes Leben in Braunschweig verbracht hat, geistigen Stillstand nicht ertragen. Er haut ab. Zurück bleibt der Weltreisende und Vermesser Lateinamerikas; das fertige Bild zeigt an seiner Seite später nur noch einen verschwommenen Schatten. Es ist die mit Abstand beste Szene in Detlev Bucks 3D-Spektakel "Die Vermessung der Welt", das sich mit der Visualisierung seiner berühmten gleichnamigen Romanvorlage absehbar schwer tut. Bild und Szene transportieren eine Aussage, und ob diese stimmt oder wie schon der Roman auf fröhlich gesponnener Fiktion beruht, ist dabei völlig unerheblich.

Vom Erfolgsroman zum Film

Natürlich musste Daniel Kehlmanns internationaler Bestseller verfilmt werden. Doch die Aufgabe war hart. Dass Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855), der Mann von preußischem Adel und das Armeleutekind, völlig unterschiedliche Leben führten, ist gewissermaßen der Witz der Doppelbiografie. Doch was ein literarischer Stil über abgeschlossene Kapitel hinweg feingliedrig zusammenhält, fällt in der abwechselnden Szenenfolge notwendig auseinander. Vom Amazonas nach Braunschweig, das ist doch immer wieder ein recht harter Schnitt.

Erwartungsgemäß versteift sich Buck auf die komischen Aspekte der Sache, zumal hier auch die Gemeinsamkeiten liegen: Gauß (Florian David Fitz) und Humboldt (Albrecht Abraham Schuch), zwei der größten naturwissenschaftlichen Genies aller Zeiten, sind – so legen es Buch und Film nahe – soziale Analphabeten. Mit Menschen kommen sie nicht klar. Während Gauß immerhin heiratet, um beim Sex zu seinen Formeln zurückzukehren, plagt Humboldt seinen Mitreisenden Bonpland (Jérémy Kapone). Mitten im Dschungel lernt der Franzose preußisches Benehmen: Naturvölker werden nach den Regeln der Wissenschaft erkundet, nicht sexuell erforscht! Zum Besteigen gibt es schließlich genügend Andengipfel, deren Höhe man misst, sowie den Luftdruck und die Beschaffenheit des Erdmaterials. Warum er immer so deutsch sein müsse, fragt Bonpland einmal. Denn auch darum geht es: Der ins Unbekannte drängende Humboldt und Gauß, ganz im Kopf zu Hause, verkörpern zwei Seiten deutschen Forschergeists, und das so archetypisch, dass man sich durchaus darüber lustig machen kann.

Warum so deutsch?

Sehr deutsch und gar nicht international ist leider auch der Mangel an Form. Der kleine Gauß übertölpelt seinen Mathematiklehrer; der kleine Humboldt experimentiert mit Fröschen und steht plötzlich erwachsen am Amazonas, wo er später gar mit Kannibalen speist. Gauß lässt sich unter Brüllen einen Zahn ausreißen, Humboldt unterzieht sich blutigen Experimenten mit elektrischen Aalen. Der Versuch zur szenischen Verknüpfung ist ehrenwert und die lose Struktur kaum vermeidbar, doch Buck übertreibt es mit dem Klamauk. Jede Szene braucht ihren Lacher oder zumindest einen nackten Hintern. Na, das klassizistische Zeitalter war halt etwas derbe, will Buck wohl sagen und nicht langweilen. Dass er mit dem Material viel anfangen kann, ist dagegen nicht zu erkennen. Gerade seinen Humboldt-Darsteller Albrecht Abraham Schuch lässt er wie einen dummen Jungen im Regen stehen. Während der pfiffige Florian David Fitz ("vincent will meer") seine Sache besser macht, als es Gauß gut tut. Die charakterlichen Unterschiede werden geradezu umgekehrt; jede mathematische Großtat (die "Summelformel der geometrischen Progression"!) kann der Film besser erklären als einen Menschen.

Eine historische Peepshow?

Mit "Die Vermessung der Welt" eben keine bildungsbürgerliche Huldigung von intellektueller Tiefe abgeliefert zu haben, wird als Kehlmanns schöne Leistung gelobt. "Wie ein verrückt gewordener Historiker" wollte er schreiben, und das ist ihm sehr unterhaltsam gelungen. Im Film allerdings, an dessen Drehbuch er mitarbeitete, fehlt jede feinere Nuance. Der schmale Grat zwischen liebevoller Vermenschlichung und blöder Karikatur wird deutlich überschritten, als wolle man nicht nur von dummem Geniekult, sondern überhaupt von der Bedeutung der zwei Wissenschaftler systematisch nichts wissen. Daher hier noch einmal: Der Humanist Alexander von Humboldt wurde mit seiner tollkühnen Südamerikareise und ihren botanischen, zoologischen und geografischen Forschungsergebnissen zum Mitbegründer der modernen Naturwissenschaft und Helden eines ganzen Kontinents. Carl Friedrich Gauß ("Disqusitiones Arithmeticae", 1789), politisch konservativ, gilt als einer der wichtigsten Mathematiker und schaffte es immerhin auf den letzten westdeutschen Zehnmarkschein.

In Sachen Bildgestaltung wäre Detlev Buck der Experte, doch hier wird es eher schlimmer. Kameraarbeit und Schauspielerführung wirken sorglos, szenische Einleitungen entfallen. Licht an, Bewegung, Dialog – es ist, als würde man sich mit der Kapitelfunktion durch die "Augsburger Puppenkiste" zappen. Der 3D-Effekt verstärkt nämlich den Eindruck einer Guckkastenbühne, alles wirkt plastisch und vollgestopft bis unter den Rand, aber niemals echt.

Das Zeitalter Humboldts und Gauß', Goethes und Schillers, Hegels und Kants als historische Peepshow? Diesen Mut, mit dem klassischen Erzählkino zu brechen, muss man Buck zugestehen. Richtig ist auch, dass diese gesamtästhetische Bauchlandung erstaunlich kurzweilig vorübergeht. Vielleicht gilt Detlev Buck ja einmal als Erfinder einer völlig neuen cineastischen Form, die das Kino zurück bringt zu seinen schlichten Wurzeln als Jahrmarktsvergnügen. Dann hätte er allerdings die Dialoge weglassen und richtig ernst machen sollen: Gauß tritt Humboldt in den Hintern, in einer wilden Verfolgungsjagd geht alles zu Bruch. Aber das hat er sich dann doch nicht getraut.

Die Vermessung der Welt, Deutschland, Österreich 2012, Regie: Detlev Buck, Buch: Detlev Buck, Daniel Kehlmann nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, mit Albrecht Abraham Schuch, Florian David Fitz, Jérémy Kapone, Sunnyi Melles, Karl Markovics u.a., ab 12, 123 min, Kinostart: 25. Oktober 2012 bei Warner Bros.

Fotos: © 2012 Warner Bros. Ent.

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Die Vermessung der Welt"

"Die Vermessung der Welt" – die offizielle Filmwebseite
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