Zukunft vor Augen

Lore: eindrückliches filmisches Nachkriegsdrama

30.10.2012 | Oliver Kaever | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mai 1945: Der Frühling weckt den Schwarzwald aus dem Winterschlaf. Blumen sprießen, Mücken tanzen im Sonnenschein, Rehe äsen auf einer Lichtung. In der Natur beginnt der Zyklus des Wachsens und Vergehens von Neuem. Die Nachfahren der selbst ernannten Herrenmenschen dagegen humpeln als zerlumpte Gestalten durch den Wald, krank, hungrig, ratlos. Unter ihnen ist die 15-jährige Lore mit ihren vier Geschwistern. Völlig auf sich allein gestellt, seitdem ihr Vater, ein hochrangiger SS-Offizier, verhaftet wurde und die Mutter gleich mit. Zur Großmutter soll Lore ihre Geschwister führen, die auf einer Nordsee-Hallig lebt. Ein langer Weg quer durch ein merkwürdig idyllisches, ländliches Nachkriegs-Deutschland beginnt.

Fünf Kinder im Land der Täter und Opfer

Die australische Regisseurin Cate Shortland verfilmte mit "Lore" einen Erzählstrang des Romans "Die schwarze Kammer" von Rachel Seiffert. Sie drehte auf Deutsch, ohne die Sprache selbst zu sprechen. Sie ist als Nicht-Deutsche auf der Suche nach einer inneren Authentizität, will wissen, wie sich eine 15-Jährige fühlt, deren erlernte Weltsicht und Erfahrung nicht mehr gelten können: "Die Geschichte war mir sehr wichtig im Hinblick darauf, was es bedeutet, das Kind eines Täters zu sein."

Shortland filmt im Außen das Innen, und es gelingt ihr, mit "Lore" seelische Vorgänge auf Film zu bannen. Vor allem übernimmt der Wald eine Funktion als Gegenpol und Kulminationspunkt aller Kriegserfahrungen der verlassenen Kinder. Die Regisseurin: "Lores Seelenlandschaft hat mich fasziniert: ein erschreckender Ort, geprägt von einer merkwürdigen Mischung aus Sicherheiten und Zweifeln." Ein Ort wie der deutsche Wald, diesem Zwitter aus Natur- und Kulturlandschaft, in dem sich Heimatkitsch mischt mit Erhabenheit und Schönheit mit Dunkelheit und Ängsten.

Die meisten Dramen über die unmittelbaren Kriegsfolgen spielen in den zerstörten Städten. Das gilt für deutsche Trümmerfilme wie Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) ebenso wie für internationale Produktionen wie Roberto Rosselinis "Deutschland im Jahre Null" (1948) oder Jacques Tourneurs Krimi "Berlin Express" (1948). Bis in die Gegenwart hinein dienen die Trümmerberge von Berlin, Hamburg und München als sinnfällige Kulisse für die innere Erschütterung der Menschen, wie in Joseph Vilsmayers "Rama Dama" (1991) oder Max Färberböcks "Anonyma - Eine Frau in Berlin" (2008).

Der Wald, ein deutsches Symbol?

Bei Cate Shortland aber werden der Wald und die erwachende Natur zum Bedeutungsraum. Wie bittere Ironie wirkt der Zusammenfall von Frühlingsbeginn und Kriegsende. Aber gerade der Widerspruch zwischen äußerer Idylle und innerem Zerfall sorgt für die subtile Gestaltung einer Bewusstwerdung. Die pathetische Beschwörung des Waldes als typisch deutsche Landschaft begann um 1800 – aus politischen Gründen. Er diente während der Befreiungskriege gegen Frankreich mit Bezug auf die Hermannsschlacht im Teutoburger Wald als Symbol der nationalen Einheit. Die Dichter und Maler der Romantik prägten das sentimentalisierte Bild des Waldes, wie es sich zum Teil bis heute gehalten hat. Es war den Nationalsozialisten eine leichte Übung, dieses Bild in ihre völkische Weltsicht zu integrieren: Der Wald wurde zum "germanischen Heiligtum" und "rassischen Kraftquell" erklärt.

1960 konzentrierte der jüdisch-stämmige Kosmopolit Elias Canetti in seinem Werk "Masse und Macht" die Bedeutung des Waldes: "Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer ist mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald." Ein Bild, wie es schon 1924 Fritz Lang prägte, als er Siegfried in seinem Stummfilm-Epos "Die Nibelungen" durch einen künstlichen Wald reiten ließ, der aus kerzengeraden, mächtigen Baumstämmen bestand. Dass der Wald auch nach dem Krieg seine Kohäsionskraft als nationales Symbol nicht verloren hatte, zeigen Heimatfime wie "Der Wilderer vom Silberwald" (1957), in denen die romantische Zuschreibung besonders naive Wiedergänger fand und die unberührte, intakte Natur von zerstörten Städten und begangenem Unrecht ablenken sollten.

Hier lauert das Böse

Bei aller Glorifizierung steht der rauschende, dunkle Wald für Unbehagen und Grauen, ist rechtsfreier Raum und Heimat für Räuber, Hexen und wilde Tiere – schon in Grimms Märchen ist der Wald kein idyllischer Ort. In "Es geschah am hellichten Tag" (1958) lockt Gert Fröbe als Kindermörder ein Mädchen zwischen die Bäume. Der schwarzen Waldromantik bedienen sich auch die Filmtrilogie "Dreileben" (2011), in der ein Sexualverbrecher in den Thüringer Wald flüchtet, und "Was bleibt" (2012), in dem eine depressive Mutter einfach im Forst verschwindet.

Verbrechen an der Menschlichkeit

In "Lore" irren die Kinder zunächst verloren wie Hänsel und Gretel durch das Unterholz. Bald übernimmt der junge Thomas die Führung der Gruppe. Er scheint ein ehemaliger KZ-Häftling zu sein – und bringt Lores Weltbild endgültig ins Wanken. Anfangs hält sie ihn für einen Verbrecher. An einem idyllisch gelegenen Fluss aber überkommt sie eine Leidenschaft, die sie vollends verwirrt. Cate Shortland inszeniert den Wald hier als locus amoenus, also "schönen Ort", an dem sich die Liebenden treffen. "Lore" verengt den Blickwinkel nicht auf ein Nazi-Drama, sondern zeigt auch ein Mädchen, das seine erwachende Sexualität entdeckt und seinen Platz in der Welt sucht. Wie aber soll das gehen, wenn man sich gleichzeitig bewusst wird, welch ungeheure Schuld die eigene Nation auf sich geladen hat? In einer besonders kraftvollen Szene sieht Lore erstmals Fotos aus den Konzentrationslagern, die von den Alliierten öffentlich ausgehängt werden. Sie berührt das vom Kleister noch nasse Papier, und die klebrige Masse bleibt an ihren Fingern hängen.

Endlich verlässt Lore den Wald in Richtung der norddeutschen Tiefebene. Ihr Blick wird freier werden, bis sie das Haus ihrer Großmutter erreicht. Den klaren Bruch mit der Vergangenheit, den Cate Shortland andeutet, hat es in der deutschen Geschichte kaum gegeben. Die Stunde Null ist ein Mythos. Der Kleister, er ließ sich nicht einfach abwaschen.

Kinostart 1.11.12

Oliver Kaever ist Filmjournalist in Hamburg.

Fotos: © Adam Arkapaw/© rohfilm



Links

Die Website zum Film "Lore" von Cate Shortland

Ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zum deutschen Nachkriegsfilm





Kommentare

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Was bisher geschah...

Zu gewollt?

Lore hört sich nicht so actionhaft an wie Bond. Ich finde die Nationalsymbole übrigens den peinlichsten Teil von Canettis Werk. Für die Spanier hat er sich den Torrero gedacht. Ugh. Meine Urgroßmutter ist ganz aus dem Sudetenland nach Haus an die Nordseeküste geflüchtet. Ihre Aufzeichnungen waren extrem beeindruckend. Nur wenn man jetzt politisch erwartungstreu erzählt, dann geht so etwas natürlich gar nicht. Das politisch Erwartungstreue ist immer auch irgendwie das erzählerisch Schlechte, weil es das gewollte reproduziert. SS-Man und KZ-Häftling, das ist so irre schulmässig und gewollt. Gut ist immer alles, wo über das eine gesprochen und was anderes gemeint ist. Etwas mit Subtext. Ohne gewollt zu sein. So wie Schuberts "Im Abendrot" D.799 oder der Spiegel-Don-Quichote im Gegensatz zum Forbes-Held.

Stein | 31. Oktober 2012   17:47

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