Leere Rituale

Was wissen wollen über den israelischen Film? Also!

25.10.2012 | Oliver Kaever | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn Polizist Yaron am Wochenende seine Kollegen zum Grillen trifft, entspinnt sich eine regelrechte Zeremonie: Die Männer umarmen sich, ein großes Schulterklopfen hebt an. Der Kollegenkreis ist groß, und je länger die Begrüßungsrunde dauert, desto bizarrer wirkt sie. Das Männerritual bekommt etwas Mechanisches, Unechtes. Es scheint, als wollten die muskelstrotzenden Hünen damit eine tiefe Verunsicherung überspielen. Später, wenn die Spezialeinheit in Nadiv Lapids Film "Policeman" gegen linksradikale Geiselnehmer vorgehen soll, wird Yaron sagen: "Ich habe kein gutes Gefühl." Niemand wird ihm zuhören.

Der Film, der beim Filmfestival in Locarno 2011 den Spezialpreis der Jury gewann, gehört zu einer Welle von israelischen Produktionen, die seit einigen Jahren Jurys bei Festivals und das Publikum in Programmkinos begeistern. Die "Neue Welle" begann 2001, als der Israeli Film Fund reformiert wurde. Der Knesset verabschiedete ein Filmgesetz, das die Filmförderung ausweitete. Seitdem zahlen private Fernsehsender in Israel Abgaben und finanzieren so das Budget des Israel Film Fund mit, das sechs Millionen Dollar beträgt und mit dem im Jahr 15 Spielfilme realisiert werden. Der Leiter der Organisation, Katriel Schory, ist ein Verfechter absoluter künstlerischer Freiheit. Kommerzielle oder politische Interessen spielen bei der Auswahl der geförderten Projekte keine Rolle: "Wir fördern, was uns künstlerisch überzeugt. Inhaltlich mischen wir uns nicht ein."

Der Erfolg gibt ihm recht. Die Zuschauerzahlen für einheimische Filme verdoppelten sich 2004 im Vergleich zum Vorjahr auf 1,3 Millionen. Seitdem fielen sie zwar wieder, haben sich aber auf hohem Niveau eingependelt. Reihenweise sammeln Produktionen bei internationalen Festivals Preise ein, von den Kriegs-Dramen "Beaufort" (Silberner Bär der Berlinale 2007) und "Lebanon" (Goldener Löwe bei den Filmfestspielen in Venedig 2009) bis zu dem kontrovers diskutierten diesjährigen Venedig-Beitrag "Fill the Void" (Copa Volpi für Hauptdarstellerin Hadas Yaron). Andere Filme wie "Die syrische Braut" (2004), "Paradise Now" (2005) und "Waltz with Bashir" (2008) liefen erfolgreich in deutschen Programmkinos. Israelische Filme geben viel preis über das Leben in einem Land, das von feindlich gesonnenen Nachbarn umgeben ist und sich seit Jahrzehnten in bewaffneten Konflikten mit ihnen befindet. Aktuelle Produktionen erzählen aber vor allem von den Spannungen und Gräben innerhalb der stark fragmentierten Gesellschaft. Es gehört zum Grundverständnis Israels, Heimat für Juden aus aller Welt zu sein, und so stammen die hier lebenden Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Sie und die Araber, die etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu integrieren, bedeutet eine gewaltige Herausforderung.

Davon erzählt etwa der Film "God's Neighbours" (2012) von Meni Yaesh. Avi und seine Freunde wollen in ihrem Viertel von Tel Aviv niemanden sehen, der nicht ihre Ansichten teilt. Sie sind gläubige Juden, und wer den Shabbat nicht einhält oder sich nicht sittsam kleidet, muss mit Ermahnungen oder gar Prügel rechnen. Avi gerät in einen Konflikt, als er sich ausgerechnet in Miri verliebt, die seine extremen Ansichten nicht teilt. "God's Neighbours" denunziert nie die jüdische Religion, aber Yaesh zeigt, wie religiöser Extremismus verunsicherten jungen Männern eine Folie liefert, nach der sie im unübersichtlichen Nebeneinander der Kulturen Freund und Feind einteilen.

Never Too Late - denkt alle mal drüber nach

Während Avi und seine Freunde immerhin mitten in der israelischen Gesellschaft leben, hat sich Herzl, die Hauptfigur aus "Never Too Late" (2011), ganz aus ihr zurückgezogen. Nach acht Jahren in Südamerika kehrt er zurück, ohne je wirklich anzukommen. Sogleich nimmt er einen Nebenjob an, für den er mit dem Auto seines verstorbenen Vaters durchs Land fährt und Plakate klebt. "Wovor läufst du davon?", fragt ihn seine Mutter, aber er scheint es selbst nicht zu wissen. "Wir sind eine verlorene Generation", klagt er einer Freundin gegenüber und lässt sich weiter ziellos treiben. So wie Israel selbst scheint Herzl auf der Suche nach seiner Identität zu sein.

Alltagssorgen, dynamisch

Wo Yaesh die Konflikte in "God's Neihgbours" emotional zuspitzt, verlegt sich Regisseur Ido Fluk in seinem Film auf das Beobachten. "Never Too Late" zeigt einen Träumer, der sich in seinem Leben verlaufen und seiner Heimat entfremdet hat. Gabi, der alternde Familienvater aus "The Cutoff Man" (2011) von Idan Hubel, hat handfestere Probleme: Er muss seine Familie finanziell über Wasser halten. Dafür nimmt er sogar eine Arbeit an, mit der er sich dem Hass seiner Mitbürger aussetzt: Gabi dreht säumigen Kunden das Wasser ab. Beschimpfungen und Schläge gehören zu seinem Alltag. Dennoch beklagt er sich nie. Überhaupt wird in "The Cutoff Man" nicht viel gesprochen. Nüchtern beobachtet Hubel den verzweifelten Kampf eines Mannes, der den Anschluss an die Mittelschicht nicht verlieren will und dafür die gesellschaftliche Ächtung in Kauf nimmt.

Israel - so groß wie Hessen

Hubel greift damit ein Thema auf, das Israel gerade stark beschäftigt: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf und droht das Land sozial zu spalten. Zwischen 2002 und 2007 verdoppelte sich nach Angaben des Armutsberichtes der Hilfsorganisation Latet die Zahl armer Menschen. Im September 2011 kam es in Tel Aviv zur bisher größten Demonstration in der Geschichte des Landes, bei der mehr als 450.000 Menschen für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gingen.

Uniform oder zivil handeln?

Auch "Policeman" beschäftigt sich mit der wachsenden sozialen Kluft. Aber in Nadiv Lapids Film ist dieses Thema nur Aufhänger. Seine Analyse geht tiefer. Anhand von Ritualen und Zeremonien entwirft er das gespenstische Bild einer Gesellschaft, der ihre Selbstgewissheit abhanden gekommen ist und die in ihre Einzelteile zerfällt. Die Polizisten ergehen sich in leeren Ritualen, und die Terroristen sprechen eine ebenso leere, aus revolutionären Wortstanzen bestehende Sprache. Wenn sie am Ende des Films auf die Polizisten treffen, gibt es zwischen ihnen keine Möglichkeit der Kommunikation. "Polizisten, ihr seid nicht unsere Feinde. Polizisten, ihr seid auch Unterdrückte", ruft die Anführerin Shira ihnen über ein Megafon zu. Minuten später wird sie erschossen. "Polizisten und Revolutionäre sind in ihrem jeweiligen Moralsystem gefangen. Die totale Hingabe an ihre Sache verursacht einen existenziellen Autismus, der ihnen vielleicht erlaubt zu handeln, sie aber letztlich scheitern lässt", sagt Lapid über seine Figuren.

Wüste im Atem Abrahams

Die "Neue Welle" israelischer Filme verbindet keine einheitliche Filmsprache. Ihre Stile sind so unterschiedlich wie die Lebenswelten in Israel. Was sie verbindet, ist der Zweifel am israelischen Gründungsmythos, der die Gesellschaft bisher zusammenhielt, und den Lapid so paraphrasiert: "Die Idee des unbedingten Zusammenhalts der Juden gegen die Bedrohung von außen." So düster die Filme die Situation in ihrer Heimat aber auch beschreiben: Das israelische Modell der Filmförderung, das Produktionen unabhängig von ihrer Kritik am Staat finanziert, zeigt eine äußerst lebendige Demokratie.

Oliver Kaever ist Filmjournalist in Hamburg.

Fotos/Filmstills: "Policeman"/© GM Films; "God's Neighbours"/© Rezo Films; "Never Too Late"/© Green Productions







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