Angels' Share - Ein Schluck für die Engel

Der Kampf geht weiter

Kinostart: 18.10.2012 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Robbie ist keiner, der die Arme sinken lässt. In den Straßen Glasgows aufgewachsen, weiß er, dass Aufgeben keine Option im Alltag ist. Gegen Angreifer muss man sich wehren – mit den Fäusten. Gegen die drohende Haftstrafe wegen wiederholter Gewaltdelikte mit dem Kopf. In Robbies Fall heißt das: Sozialstunden absolvieren und mit dem Prügeln aufhören. Wie aber allen Fronten im Leben gleichzeitig standhalten? In den Herzenswunsch, seinem neugeborenen Kind der vorbildhafte Vater zu sein, den er selbst nie hatte, grätscht ihm die Realität hinein. Kein Job, kein Geld, alte Feindschaften, neue Provokationen – in einem typischen Ken-Loach-Film hätte Robbie keine Chance.

Ken Loach ist allerdings auch keiner, der aufgibt. Seit über vierzig Jahren dreht der britische Regisseur und überzeugte Sozialist unermüdlich Filme, die von Verhältnissen erzählen, an denen man verzweifeln könnte. Von jungen Menschen, die in einer lieb- und mittellosen Umgebung aufwachsen und kaum einen Ausweg finden. Von hart arbeitenden Menschen, denen neue Industrien, Rationalisierungsprozesse und Lohn-Dumping den Boden unter den Füßen wegziehen. Von Armut und Gewalt, die Armut und Gewalt schüren.

In "Angels' Share" ist es nun aber scheinbar Zeit für ein wenig Hoffnung, nachdem Loach bereits in "Looking for Eric" (2009) mithilfe von Starfußballer Eric Cantona eine kuriose Erbauung an seinem tragischen Helden, einem deprimierten britischen Postboten, vorgenommen hat. Schließlich kann man zumindest im Film möglich machen, was im echten Leben nicht klappt. Hier: sich quasi über Nacht vom Schläger aus der Gosse in einen feinnasigen Whisky-Experten verwandeln und den großen Coup wittern. Doch Ken Loach wäre nicht Ken Loach, enthielte dieses schwungvolle, witzreiche, fast schon hollywoodeske Märchen vom sozialen Aufstieg nicht eine bittere Wahrheit. Ganz ohne (illegales) Tricksen hätte Robbie es nicht geschafft. Der Klassenkampf geht weiter, auch in der Komödie.
Marguerite Seidel

(The Angels' Share) Großbritannien, Frankreich 2012, Regie: Ken Loach, Buch: Paul Laverty, mit Paul Brannigan, Siobhan Reilly, John Henshaw, Gary Maitland, William Ruane, Jasmin Riggins u.a., ab 12, 101 min, Kinostart: 18. Oktober 2012 bei Prokino

Foto: © 2012 PROKINO Filmverleih GmbH



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