Die Wahrheit über Männer

Ein Kerl in der Krise

Kinostart: 18.10.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Leben braucht ein paar Wendepunkte oder es ist wie ein ganz schlechter Film. Jedenfalls keiner, den man sich selbst anschauen würde. Ab und zu muss sich was ändern, braucht man die zündende Idee, den rettenden Moment. Mads (Thure Lindhardt) kennt sich aus mit solchen Dingen, denn er ist Drehbuchautor. Und er steckt in der Krise. Sie macht ihm bewusst, dass er leider gar keine Idee hat, weder für die Arbeit noch für sein Leben. Ein möglicher Grund: Beides hatte zuletzt wenig miteinander zu tun.

Dabei hat alles gut angefangen: Sein Debüt als Drehbuchautor, ein harmloser Animationsfilm, war ein Riesenerfolg in ganz Dänemark. Mit der billigen Kopie eines einheimischen Gangsterfilms ging's bergab. Seitdem schreibt er Drehbücher für eine Fernsehserie namens "Der Bulle", immer schön nach Schema F. Kann es das gewesen sein? Der Idealist Mads, mittlerweile in den Dreißigern, wollte einmal die Welt verändern, sein Leben sollte sein wie ein Gitarrensolo, keine leise Angestelltenexistenz mit Freundin und Reihenhaus. Mads wirft hin, verlässt die völlig verdatterte Freundin Marie (Tuva Novotny), zieht um – und merkt gar nicht, dass er dieselben Wendungen vollzieht wie noch jeder glücklose Anti-Held in einer x-beliebigen Einführung zum Thema "Drehbuchschreiben für Anfänger": Krise, Wendepunkt, neue Konflikte und falsche Entscheidungen, Wendung zum Guten durch irgendeinen dummen Zufall, wenn er Glück hat. Im Leben weiß man ja nie.

Frauen spielen auch eine Rolle

"Die Wahrheit über Männer" könnte diese Geschichte gar nicht erzählen ohne ein paar visuelle Einfälle, die ein doch sehr theoretisches Thema visuell interessant machen: Mads' Animationsabenteuer wird ebenso realisiert wie sein gescheiterter Spielfilm, tatsächlich ein böser Abklatsch von Nicolas Winding Refns ("Drive") legendärem Debüt "Pusher" (1996). Seine wild sprühenden Drehbuchfantasien besetzt er nicht mit irgendwem, sondern mit dänischen Schauspielkoryphäen wie Kim Bodnia und Ole Christian Madsen, die zwar in Cameo-Auftritten engagiert mitspielen, sich aber permanent über das lausige Skript beschweren. Und derart selbstreflexiv-ironisch ist der Film insgesamt gestaltet, mit jeder Menge Rückblenden, Montagen und munter weitergesponnenen Alternativhandlungen von Happy End bis Katastrophe.

Die wichtigste Rolle spielen dabei – der Titel weist fast darauf hin – die Frauen. Sie haben seiner Selbstverwirklichung immer im Weg gestanden, glaubt Mads, nie hatte er die Geliebten, die er haben wollte. Er stürzt sich in Affären, trifft das Rockermädchen aus der Schulzeit, das nun so anders aussieht als in der Erinnerung, und findet endlich die große Liebe: Julie (Rosalinde Mynster) ist Künstlerin, eine intellektuelle und sexuelle Herausforderung. Sie inspiriert ihn, die Zeit mit ihr schreibt das Drehbuch seines Lebens wie von allein. Weil das ewig so weitergeht, darf man verraten: Es wird ein Drama.

Die Kunst, das Leben, der Sinn

Dass diese Dauerreflexion von Kunst und Leben sich zwar gewissermaßen selbst imitiert, dabei aber nie steril wird und nur im Mittelteil (Fachleute sprechen vom "neuralgischen midpoint") etwas zu selbstbezüglich-introspektiv gerät – das ist Regisseur Nikolaj Arcel hoch anzurechnen. Mads erlebt genug Höhen und Tiefen, die uns aus dem eigenen Leben bekannt vorkommen. Das meiste davon ist kreativ unverwertbar, aber dafür umso schmerzhafter. Denn was Mads eigentlich fehlt, sind keine großartigen Wendepunkte oder Ideen, sondern der Sinn. Das ist ein großes Wort, aber in der Krise kommt man eben auf Gedanken. Und ohne Frage spricht Arcel von Problemen, die sein Publikum betreffen: die mit einer systematischen Unzufriedenheit einhergehenden unendlichen Möglichkeiten der Wahl, die Scheu vor Verantwortung, die sich irgendwann stellende Frage der Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben. Das geht freilich nicht nur Männer an. Alles, bis hin zur abgedroschenen Killerpointe "Ich bin schwanger", betrifft genauso Frauen. Aber man mag Arcel seinen Titel nachsehen: Der Mann ist vierzig. Und dass sein Film ebenso gut "Die Wahrheit über die Generation Y" heißen könnte, räumt er selber ein.

Nach seinem gelungenen, aber konventionellen Historiendrama "Die Königin und der Leibarzt" wollte er sich wohl selbst ein wenig neu erfinden. Das Ergebnis langer Vorbereitung ist kein genialischer Wurf wie "Auf Anfang [:reprise]" (2006), Joachim Triers viel zu wenig beachtetes Pendant aus Norwegen. Und natürlich ist das stilistische Konzept aus Woody Allens "Der Stadtneurotiker" (1977) eins zu eins geklaut. Aber mit dieser im Zweifelsfall immer humorvollen Erzählweise, der Fülle visueller Verblüffungsmomente und einem tollen Hauptdarsteller macht das viel Freude. Thure Lindhardt, so etwas wie ein dänischer Shooting Star, ist übrigens viel jünger, als es seine Augenringe vermuten lassen. Es ist Mads' Krise, wirklich! Mit einem ordentlichen Drehbuch kriegt man das alles wieder hin.

(Sandheden om Maenden) Dänemark 2010, Regie: Nikolaj Arcel, Buch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg, mit Thure Lindhardt, Tuva Novotny, Rosalinde Mynster, Signe Egholm Olsen u.a., ab 12, 91 min, Kinostart: 18. Oktober 2012 bei Camino

Fotos: © Camino

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



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