Niels (Jürgen Vogel) am Unfallort
Gnade vor Recht ergehen lassen … sagt sich leicht. Aber was heißt das? Was bedeutet es? Was ist Gnade? Und was ist Gnade in Relation zu Recht? Welchem Recht überhaupt?
Vor einigen Jahren hat Matthias Glasner, gleichfalls in Zusammenarbeit mit Jürgen Vogel, einen äußerst unangenehm auf äußerst unangenehmen Fragestellungen insistierenden Film gedreht. Er hieß "Der freie Wille" und arbeitete sich – am Fallbeispiel eines aus der Haft entlassenen Vergewaltigers, der versucht, in der Gesellschaft wieder Fuss zu fassen, ihren Versuchungen jedoch nicht stand hält – an eben diesem Begriff ab. Einem Begriff, der Philosophen seit Jahrhunderten auf Trab hält, einer der Angeln des abendländischen Denkens, undenkbar ohne die daran aufgehängte Tür ins Metaphysisch-Religiöse. Es sind aber Menschen, die diese Tür instand halten und öffnen oder schließen. Menschen, in deren Dasein das Wort lebendig wird. Nicht anders verhält es sich mit dem Wort "Gnade", der den Begriff der "Sünde" braucht (die vergeben werden könnte/müsste/sollte), um wirksam zu werden.
Die Untat, die im vorliegenden Fall begangen wird, ist ein Unfall mit Fahrerflucht und Glasner liefert die mildernden Umstände gleich mit. Wer sollte schon unterwegs sein in der ewigen Polarnacht am Rande der Welt, mitten in der Finsternis des Nirgendwo? Das Rumpeln, das sie in ihrem Auto verspürte, kann nur von einem Tier verursacht worden sein, denkt Maria, und fährt weiter. Aber dann war es eben doch kein Tier. Und dann kommt das schlechte Gewissen, kommt die Verweigerung, kommen die Entschuldigungsversuche und die Schuldzuweisungen, kommen Selbstzweifel, Selbstgerechtigkeit, Selbsthass.
Eine Bewährungsprobe unter ohnehin erschwerten Bedingungen, sind Maria, Krankenschwester in einem Hospiz, und Niels, Ingenieur, mit ihrem Sohn Markus doch ins norwegische Hammerfest gezogen, um dort den Neustart ihrer dem Ende zusteuernden Familie zu versuchen. Es hat nicht funktioniert: Niels beginnt quasi sofort wieder eine Affäre mit einer anderen Frau, Maria betäubt sich mit Arbeit, Markus findet falsche Freunde und zieht sich in sich selbst zurück. Und dann passiert es. Das Opfer der einen ist der Gnadenakt für die anderen. Bis dahin ist es ein schwieriger und langer Weg, den Glasner seine Figuren in aller Schmerzlichkeit gehen lässt, sie dabei geduldig und aufmerksam begleitend. Durch die Finsternis der Polarnacht ans Licht gnadenvoller Vergebung. Das klingt pathetischer, als es ist. Denn wenn sich hier eines erweist, dann die Souveränität zwischenmenschlicher Konfliktlösung gegenüber rechtsstaatlichen Mitteln.
Alexandra Seitz
Gnade, Deutschland, Norwegen 2012, Regie: Matthias Glasner, Buch: Kim Fupz Aakeson, mit Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr, Henry Stange, Ane Dahl Torp, Maria Bock u.a., ab 12, 132 min, Kinostart: 18. Oktober 2012 bei Alamode Film
Foto: © Alamode Film/Jakub Bejnarowicz
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