Sushi in Suhl

Ein Traum von Japan

Kinostart: 18.10.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In den 1970er-Jahren, mitten im Kalten Krieg, träumt hinter thüringischen Bergen ein Koch von Japan, von Kirschblüten, Geishas und Sukiyaki. Er heißt Rolf Anschütz und betreibt in dem Städtchen Suhl, damals Zentrum der Jagdwaffenproduktion der DDR, die Gaststätte Waffenschmied. Würzfleisch, Rouladen, Klöße und Rotkohl stehen auf seiner Speisekarte, für Rolf Anschütz längst langweiliger Standard. Fremde Sitten und Genüsse würde er seinen Gästen gern servieren, doch die Zutaten sind rar, ebenso das Verständnis für derartig elitäre Wünsche seitens der Handelsorganisation, dem staatlich geführten Einzelhandelsunternehmen der DDR, der auch der Waffenschmied gehörte. Rolf Anschütz, ein geborener Träumer und Improvisationstalent, tüftelt trotzdem an unbekannten Aromen und Gerichten. Inspiriert von einem angestaubten Buch über "Die Küchen der Welt" erfindet er 1966 seine "Szuki Yaki", gibt Kohlrabi statt Bambus in die Rinderbrühe, umwickelt Sushi mit Spinat statt Seetang. Um seine Freunde mit den neuen Genüssen perfekt zu überraschen, sorgt er auch für japanisches Ambiente in einem Hinterraum des Waffenschmieds, lässt Essstäbchen schnitzen, verkürzt Stühlen und Tischen die Beine und färbt Judokittel zu Kimonos um, in die er seine Kellnerin, fortan Geisha Gisela, hüllt. Wenn DDR-Bürger schon nicht ausreisen dürfen, dann kommt die Welt halt zu ihnen, denkt sich Anschütz, der sich mit Politik so gar nicht beschäftigen mag.

Als ein Freund das neue Japan-Restaurant in einer örtlichen Tageszeitung würdigt, steht plötzlich nicht nur der erste Japaner im Gastraum, sondern auch die Handeslorganisation Kopf. Darf einer in der DDR so aus der Reihe tanzen? Sollte man den Waffenschmied nicht besser schließen? Andererseits mehrt Anschütz' Vision das internationale Renommee und so darf er fortan für Weltfrieden und Völkerverständigung kochen. Seinem ersten japanischen Gast verdankt er bald wertvolle Lektionen und original japanische Zutaten. Und da Rolf Anschütz die Speisekarte wie das Lokal ständig verfeinert, wird er rund zwei Millionen Gäste aus Ost und West bewirten und 1979 sogar vom japanischen Kaiser geehrt. Ein thüringisches Märchen? Nein, Rolf Anschütz hat es gegeben und "Sushi in Suhl" ist eine überfällige Hommage. Mit einem glänzenden Uwe Steimle in der Hauptrolle serviert Regisseur Carsten Fiebeler die liebenswerte Tragikomödie mit einem Schuss Ostalgie. Er erzählt die wundersame Erfolgsstory im Schnellgang, ohne ihre Schattenseiten auszusparen – etwa das Zerbrechen von Anschütz' Ehe und wie der Koch jäh erkennt, dass er in seinem stillen Suhl eine heile Welt schuf, die selbst in Japan längst als exotisch gilt. Das Filmteam ist übrigens nicht dorthin gereist, das Unglück in Fukushima hat dies verhindert. Uwe Steimle wurde stattdessen in älteres japanisches Bildmaterial kopiert – passend zu einer Geschichte über große Träume und fantastische Improvisationen.
Cristina Moles Kaupp

Sushi in Suhl, Deutschland 2012, Regie: Carsten Fiebeler, Buch: Jens-Frederik Otto, mit Uwe Steimle, Julia Richter, Ina Paule Klink, Michael Kind, Gen Seto u.a., o.A., 107 min, Kinostart: 18. Oktober 2012 bei Movienet

Foto: © Movienet



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