Beziehungsweisen

Alles ist, wie es scheint

Kinostart: 11.10.2012 | Andreas Resch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Obwohl so mancher Film von John Cassavetes ("Eine Frau unter Einfluss", "Opening Night") aufgrund seiner Improvisiertheit wie abgefilmtes Leben wirkt, würde wohl niemand auf die Idee kommen, Cassavetes vorzuwerfen, dem Publikum falsche Tatsachen vorzuspiegeln. Zu eindeutig ist hier, dass jemand mit den Mitteln des Spielfilms das "reale" Leben nachbildet. Problematisch wird es hingegen immer dann, wenn ein Film vorgibt, etwas zu sein, was er nicht ist. Will einen ein fiktionaler Film glauben machen, er sei dokumentarisch, so nennt man das "scripted reality".

"Beziehungsweisen" von Calle Overweg ist eine Art experimentelles "scripted reality": Der Regisseur hat drei echte Paartherapeuten zwecks Therapiesitzung mit drei Paaren zusammengebracht, die von Schauspielern gespielt werden. Eines der Paare hat sich über die Jahre in einen Zustand der absoluten Kommunikationsunfähigkeit hineinmanövriert. Beim zweiten hat sich die Frau in einen anderen verliebt, was ihr Partner jedoch nicht wahrhaben will. Beim dritten schließlich ist die Frau von ihrem Mann betrogen worden. Der versucht, sich zu rechtfertigen, was die Frau jedoch nur noch wütender macht. Aus den Sitzungen selbst geht nicht hervor, dass sie gescripted sind, sie wirken real.

Kontrastiert werden die Therapie-Sessions von extrem künstlich wirkenden Szenen, die in ihrem Look an Lars von Triers "Dogville" erinnern. In ihnen spielen die Paare auf einer leeren Bühne Situationen aus ihrem Leben. Diese sollen die Konflikte veranschaulichen, die in der nächsten Sitzung verhandelt werden. Zu guter Letzt gibt es noch dokumentarische Aufnahmen im klassischen Sinne, in denen die Therapeuten den Dreh reflektieren. Diese Szenen wirken allerdings wie ein nachträglich in den Film hineinmontiertes Making-of. Abgesehen davon, dass die gewählte Struktur ziemlich willkürlich, ja mitunter affektiert wirkt, ist das große Manko von "Beziehungsweisen", dass hier alles immer so ist, wie es scheint. Und das ist, wie im echten Leben, auf Dauer ziemlich öde.
Andreas Resch

Beziehungsweisen (Dokumentarfilm mit Spielanteil) Deutschland 2012, Buch & Regie: Calle Overweg, mit Leopold Altenburg, Abak Safaei-Rad, Axel Hartwig, Anja Haverland, Gerhold Selle, Franziska Kleinert u.a., 85 min, Kinostart: 11. Oktober 2012 bei Arsenal Distribution

Foto: © Calle Overweg



Mehr Infos zu "Beziehungsweisen"

"Beziehungsweisen" - Filminfos vom Verleih
"Beziehungsweisen" auf filmportal.de
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