Savages

Sex, Drogen und Blut

Kinostart: 11.10.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit dreißig Jahren pflegt Oliver Stone eine morbide Faszination für die dunkle Seite der USA. Vietnamkrieg, Wall Street, die Medien, Drogen, 9/11, die Präsidenten Richard Nixon, George W. Bush und JFK – selbst der großen amerikanischen Nemesis Fidel Castro hat er 2003 einen Interviewfilm ("Comandante") gewidmet. Stone hat sich dabei immer als Mythenzerstörer und unbequemer Antipode zum gesellschaftlichen Konsens geriert: einer, der mit seinen Filmen ins Wespennest sticht. Die Provokation ist sein bevorzugtes Stilmittel, und so war in den 1980er- und 1990er-Jahren jeder neue Oliver-Stone-Film ein mediales Ereignis. Unvergessen der Skandal um "Natural Born Killers" (1994), seinem grellen Liebesfilm über ein Serienmörder-Pärchen, das in Begleitung eines Medientrosses eine blutige Spur durch die USA zieht. Damals hatte Stone Reality-TV um ein paar Jahre vorweggenommen. Seine Filme liefern immer auch einen Kommentar auf Amerika. Sie zeichnen die historischen Übergänge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach, als bedeutende Ereignisse ihre eigenen Populärmythen gleich mitproduzierten – wie Jim Morrison und seine Band The Doors als Sinnbild der befreiten 1960er, die mit der Eskalation der Vietnam-Proteste ein brutales Ende nahmen.

Insofern ist Oliver Stones neuer Film "Savages", eine Adaption von Don Winslows Drogenkrimi "Zeit des Zorns", für seine Ansprüche fast eine Nummer zu klein geraten. Stone befand sich in den letzten zehn Jahren allerdings auf Formsuche. Weder das Historienepos "Alexander" noch das 9/11-Drama "World Trade Center" oder das schlappe Banker-Bashing "Wall Street: Geld schläft nicht" konnten an vergangene Glanztaten anknüpfen. Der notorische Querkopf hatte an politischer Brisanz eingebüßt. Dass Stone ausgerechnet mit einem Stück Pulp Fiction wie "Savages" erneut zu großer Form aufläuft, damit hätte wohl niemand gerechnet. Seit seinem Neo-Noir-Thriller "U-Turn" (1997) hat Stone den Genrefilm ignoriert, obwohl gerade hier seine Stärken liegen: die Liebe zum B-Kino, sein formaler Manierismus, ein ausgeprägtes Pop-Verständnis und eine Lässigkeit, die man in seinen ambitionierten Großprojekten oft vermisste.

Drogenmärchen à la Oliver Stone

In "Savages" geht es um Marihuana – vielleicht ein Grund, warum der Film trotz aller Umtriebigkeit so tiefenentspannt wirkt. Erst kürzlich nannte Stone im US-Branchenblatt Hollywood Reporter Gras "ein Gottesgeschenk". Ein Geschenk allerdings, für das allein in Mexiko im letzten Jahr fast 12.000 Menschen starben. Der mexikanische Drogenkrieg ist längst auch ein US-amerikanisches Problem.

Auf der anderen Seite der Grenze, in den USA, wird in "Savages" noch das Prinzip der Nachhaltigkeit gepflegt. Der studierte Botaniker Ben (Aaron Taylor-Johnson), der Irak-Veteran Chon (Taylor Kitsch) und die schöne Ophelia (Blake Lively), genannt O, leben in einer Hippie-Ménage à trois unter der Sonne Kaliforniens vom Marihuana-Anbau im großen Stil. Ihr Gras gilt als das beste weit und breit, da steckt viel Liebe und grünes Bewusstsein drin. Die Erlöse ihres unabhängigen Drogenimperiums lässt der Philanthrop Ben unter anderem in wohltätige Projekte in Afrika fließen. Fair-Trade-Marihuana sozusagen. Sie wähnen sich im Paradies: freie Liebe und Kiffen. Das Dreier-Idyll von Ben, Chon und Ophelia ist wie auch ihr Geschäftsmodell ein Anachronimus gegenüber dem knallharten Top-Down-Kapitalismus der mexikansichen Drogenkartelle, auf deren Radar sie die hohe Qualität ihres Produkts bald spült. Die Kartelle seien wie die US-amerikanische Discounter-Kette Wal-Mart, erklärt der korrupte Cop Dennis (John Travolta), der ihnen bei der Polizei den Rücken freihält. Die Großen wollen ihre Produktpalette um das feine Bio-Gras von Ben, Chon und O erweitern und sie dulden niemanden neben sich. Um ihr Anliegen zu unterstreichen, schicken sie via Skype ein blutiges Folter-Video. Das Paradies wird bei Stone also früh überschattet. Das unbeschwerte Drogenmärchen gerät indes zum Albtraum, als der Kartellausputzer Lado, gespielt von einem grandios überkandidelten Benicio del Toro, O entführt, um der Forderung des Kartells Nachdruck zu verleihen.

Pulp Fiction und Tagespolitik

"Savages" ist in erster Linie ein ungemein stylisches, hübsch fotografiertes und dabei zynisches Pop-Märchen. Stone spart jedoch nicht an gekonnt gesetzten Gewaltmomenten. Er bemüht sich sichtlich um ein realistisches Bild des Drogenkrieges, der auf beiden Seiten der Grenze längst außer Kontrolle geraten ist. Doch genauso offensichtlich verfällt er immer wieder den Pulp-Ausschweifungen seiner Geschichte. Die lakonischen Schilderungen der Romanvorlage werden zum irren Rohmaterial für den unbändigen Stilwillen Stones, der hier die ganze Farbpalette zum Einsatz bringt: von Flamingo-Rosa bis zu den unreinen Schwärzen unterbelichteter Handyaufnahmen. "Savages" ist streckenweise – vor allem, wenn Del Toro mit seiner als Pool-Reiniger verkleideten Mördertruppe auf der Leinwand erscheint – grotesk überzeichnet, und springt dann wieder völlig unvermittelt in den melodramatischen Modus einer Telenovela, den Salma Hayek als einsame Kartell-Witwe, die um die Zuneigung ihrer einzigen Tochter kämpft, mit der stillen Größe einer Diva erduldet.

Wie in den klassischen Italo-Western von Sergio Leone, die Stone zum Showdown zitiert, ist sich in "Savages" jeder selbst der nächste. Auch der strahlende Idealismus der jungen Drogen-Entrepreneure bleibt im Drogenkrieg früher oder später auf der Strecke. Die Waffen werden durchschlagskräftiger, die Skrupel schwinden. Am Ende stehen sich zwei bewaffnete Armeen in der Wüste gegenüber, obwohl es "nur" um Drogen im vergleichsweise läppischen Wert von ein paar Millionen Dollar geht. Die Gewaltspirale in "Savages", hat Stone in einem Interview erklärt, beschreibe die Dynamik der Drogenkriege, die die US-amerikanische Regierung seit den 1970er-Jahren im Ausland forciert – von Vietnam über Panama bis zu Afghanistan. Bemerkenswert an "Savages" ist, wie Stones Pulp Fiction sich immer wieder an der Tagespolitik reibt, ohne blöd oder ideologisch zweifelhaft rüberzukommen. Ein wenig Fantasterei darf auch nicht fehlen. "Macht Geld, solange ihr könnt", empfiehlt der Cop Dennis den dreien bei einem Treffen, "in ein paar Jahren ist der ganze Kram ohnehin legal." Die wahnwitzige Gewalt in "Savages" legt nahe, dass die Legalisierung wirklich der einzige Ausweg aus dem Drogenkrieg ist. Eine Ansicht, mit der sich Stone in den USA – mal wieder – nicht nur Freunde machen wird.

Savages, USA 2012, Regie: Oliver Stone, Buch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone nach dem Roman "Zeit des Zorns" von Don Winslow, mit Taylor Kitsch, Blake Lively, Aaron Taylor-Johnson, John Travolta, Benicio Del Toro, Salma Hayek u.a., ab 16, 130 min, Kinostart: 11. Oktober 2012 bei Universal Pictures

Foto: © Universal Pictures

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



Mehr Infos zu "Savages"

"Savages" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "Savages"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Savages" auf filmz.de




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