Dieser Problemkind-Charakter!

Die Hauptdarstellerin aus "Für Elise" im Interview

11.10.2012 | Katharina Granzin | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer, die erstmals in größerem Stil auf sich aufmerksam machen konnte, als sie 2010 in dem Film "Ein Tick anders" ein Mädchen mit Tourette-Syndrom verkörperte, spielt nun die Hauptrolle in Wolfgang Dinslages aktuellem Film "Für Elise". Auf fluter.de spricht Jasna Fritzi Bauer über ihre Erfahrungen als 15-Jährige und über ihre Rolle in "Für Elise" gegenüber einer Frau, die ihre Mutter ist und doch am Alkohol und am Leben scheitert.

Katharina Granzin: Als du "Für Elise" gedreht hast, warst du 21 Jahre alt und hast eine 15-Jährige gespielt. War das Gefühl, fünfzehn zu sein, da schon sehr weit weg?

Jasna Fritzi Bauer: Gut erinnern konnte ich mich an diese Zeit eher nicht. Ein Plus bei der Rolle war, dass Elise in der Beziehung zu ihrer Mutter eher die Erwachsenenrolle übernimmt. Und zum Glück habe ich eine kleine Schwester, die 2010, als wir gedreht haben, gerade fünfzehn Jahre alt war. Mit Wolfgang Dinslage, dem Regisseur, habe ich lange diskutiert, dass die meisten Fünfzehnjährigen heute ganz anders sind. Sogar im Vergleich zu der Zeit gesehen, als ich so alt war, was ja nicht so lange her ist.

Was hat sich denn verändert?

Ich hab' das Gefühl, die werden viel schneller erwachsen oder wollen schneller erwachsen sein. Die gehen ganz anders mit ihrem Aussehen um und kleiden sich anders. Als ich und meine Freundinnen so 15, 16 waren, da war das mit dem Schminken noch gar nicht so ein Thema. Aber vielleicht war ich auch einfach ein ganz anderes Kind.

Im Film ist Elises Mutter diejenige, die unvernünftig – also sozusagen kindlich agiert. In der Beziehung der beiden gibt es die herkömmliche Rollenverteilung zwischen den Generationen nicht. Stellt der Film damit ein Extrem dar, oder denkst du, dass das auch der heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit entspricht?

In gewisser Weise schon, es gibt gesellschaftliche Veränderungen in diese Richtung. Die Alten wollen nicht alt werden, und viele Mütter wollen die besten Freundinnen ihrer Kinder sein. Ich denke manchmal, dadurch, dass die Mütter so ins Leben ihrer Töchter oder auch Söhne eingebunden werden wollen, wollen sie sich irgendwie jung halten.

Kennst du das aus deinem eigenen Bekanntenkreis?

Schon, aber nicht so extrem. Bei mir selbst ist es so, dass meine Eltern relativ jung sind. Meine Mutter ist erst 45. Und es ist nun nicht so, dass sie versucht, meine beste Freundin zu sein, aber es ist natürlich ein großer Unterschied zu Eltern, die schon 60 sind.

Im Film erstreckt sich das Aufweichen der Generationengrenzen auch auf die Dreiecksbeziehung zwischen Elises Mutter, deren Liebhaber Ludwig und Elise. Das kulminiert in einer dramatischen Szene, in der Elise fast vergewaltigt wird. Ist es nicht furchtbar schwer, so etwas zu spielen? Wie bereitet man sich darauf vor?

Es gab lange Vorgespräche. So etwas zu drehen, bedeutet "closed set": Damit nicht zwanzig Leute um einen herumstehen, sondern nur drei oder vier. Außerdem wird eine Art Codewort ausgemacht, irgend etwas, "Tannenbaum" oder so. Weil es passieren kann, dass ich mitten im Dreh merke, nein, es geht nicht. Und ich kann dann nicht sagen "Hör auf! Hör auf!", weil das ja zur Szene gehören könnte. Man spricht ja nicht immer strikt nach Drehbuch. Dass ich ein Codewort sagen kann, gibt mir die Sicherheit, um mich aus der Situation zu befreien. Aber dazu kam es bei uns gar nicht erst. Wenn eine Atmosphäre geschaffen wird, in der man Vertrauen entwickelt, funktionieren auch solche Szenen.

Bevor es zu diesem Übergriff kommt, hat sich zwischen Elise und dem erwachsenen Ludwig, der ihr Vater sein könnte, durchaus eine Atmosphäre erotischer Anziehung entwickelt, die gegenseitig ist, oder?

Wir haben lange darüber gesprochen. Ich habe es eigentlich nie so gesehen, dass sie in ihn verliebt ist. Einerseits sucht sie natürlich eine Vaterfigur, eine männliche Konstante in ihrem Leben. Andererseits ist sie eben in der Pubertät und probiert sich aus.

Auf deiner Website habe ich gelesen, dass du auch in der Verfilmung von Alina Bronskys Roman "Scherbenpark" die Hauptrolle gespielt hast, der dieses Jahr erst gedreht wurde. Gibt es in "Scherbenpark" nicht eine ganz ähnliche Konstellation? Dass das Mädchen Sascha sich angezogen fühlt von einem mindestens doppelt so alten Mann?

Ja, das wird in diesem Film ausgespielt. Sascha ist aber eine ganz andere Figur, sie sucht nicht diese Konstante in ihrem Leben, wie Elise es tut. Aber die Szene mit diesem Volker, ja, das ist schon recht ähnlich.

Hast du vielleicht die Befürchtung, dass du aufs Lolita-Fach festgelegt werden könntest?

Ich glaube, ich bin relativ festgelegt. Aber nicht unbedingt auf die Lolita-Rollen; es ist eher dieser Problemkind-Charakter, dieses Noch-nicht-erwachsen-Sein, aber doch schon erwachsen zu sein. Das kann ich nun einmal gut erfüllen, weil ich so jung aussehe.

Hast du eigentlich immer schon jünger ausgesehen als du bist? Also, als du fünfzehn Jahre alt warst, hast du da ausgesehen wie zehn?

Na ja, sagen wir mal wie zwölf.

Und ab wann hat es aufgehört, dich zu stören, dass du so jung aussiehst?

Als ich volljährig wurde. Dann war es scheißegal, weil ich meinen Ausweis 'rausholen konnte und sagen, guckt mal, ich bin erwachsen. Es kommt heute immer noch vor, dass ich beim Bierholen oder so gefragt werde, wie alt ich bin. Aber nicht mehr so häufig wie früher.

Was wäre dein Plan B gewesen, wenn es nichts geworden wäre mit der Schauspielschule und der Schauspielerei?

Da gab es eine Vereinbarung mit meinen Eltern. In dem Fall wäre ich wohl aufs Abendgymnasium gegangen und hätte mein Abitur gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Jasna Fritzi Bauer unterhielt sich Katharina Granzin, Autorin nicht nur für Film, in Berlin.

alle Filmstills: "Für Elise" | © Farbfilm Verleih 2012



Mehr über die Filme, die Jasna Fritzi Bauer bisher gedreht hat, auf den Seiten der IMDB




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