3 Zimmer /Küche /Bad

Generation Umzugskiste

Kinostart: 4.10.2012 | Stefan Stiletto | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Nach dem Umzug ist vor dem Umzug. Und so sind auch Philipp, seine Schwestern Wiebke und Swantje, seine beste Freundin Dina, seine Freundin Maria, sein WG-Mitbewohner Thomas und dessen Freundin Jessica ständig damit beschäftigt, Kisten zu packen, in Umzugsautos zu verladen, in neuen Wohnungen wieder auszupacken – um wenig später schon wieder auszuziehen. Weil eine Beziehung in die Brüche geht, weil die WG gegen eine Pärchenwohnung eingetauscht werden soll, weil man alleine leben will, weil man nicht alleine leben kann, weil man ein Jobangebot oder einen Studienplatz in einer anderen Stadt bekommen hat. Der fröhliche Umzugsreigen in "3 Zimmer/Küche/Bad" beginnt im Herbst. Eine Jahreszeit, die im Kino oft nichts Gutes verheißt. Auch nicht in einer Komödie.

Leben, lieben, Kisten packen

Dabei sieht am Anfang eigentlich alles ganz gut aus. Maria (Aylin Tezel) freut sich darauf, endlich mit Philipp (Jacob Matschenz) in Berlin zusammenzuziehen, sobald dessen WG-Mitbewohner Thomas (Robert Gwisdek) mit seiner Freundin Jessica (Alice Dwyer) eine eigene Wohnung gefunden hat. Doch dann platzt ein Mietvertrag und der Traum von der romantischen Zweisamkeit ist erst einmal ebenso dahin wie die gute WG-Stimmung. Wie gut, dass es Dina (Anna Brüggemann) gibt, Philipps beste Freundin, die mit ihrer ausgelassenen Art auch alle ihre Freunde glücklich machen will. Schließlich zweifelt Philipp ohnehin insgeheim an einer gemeinsamen Zukunft mit Maria, ist er doch ein wenig in Dina verliebt. Beziehungsstress quält unterdessen auch Dinas neue Mitbewohnerin Wiebke (Katharins Spiering), Philipps ältere Schwester. Michael (Alexander Khuon) jedenfalls macht mit ihr Schluss, nur um sich später Dina zuzuwenden. Und irgendwann braucht auch Philipps jüngere Schwester Swantje (Amelie Kiefer) eine neue Bleibe in Berlin.

Tausche WG gegen Pärchenwohnung

Souverän gelingt es Dietrich Brüggemann ("Renn, wenn du kannst"), der das Drehbuch gemeinsam mit seiner Schwester Anna geschrieben hat, über dieses Umzugs- und Beziehungschaos auf der Leinwand zu erzählen, das sich über vier Jahreszeiten, einen kurzen Prolog und einen Epilog erstreckt und episodisch angelegt ist. Inmitten der Umzugskartons, Baumarktbesuche und Wohnungsbesichtigungen entsteht dabei das komische, aber doch auch sehr echt wirkende Porträt einer Generation, die längst nicht mehr auf stabile Verhältnisse setzen kann und ständig auf der Suche ist – nach sich selbst und auch nach ein wenig Sicherheit. Überraschend ist, dass die Lebensentwürfe, die hier präsentiert werden, nichts zu tun haben mit der Sehnsucht nach Abenteuern, Rebellion oder Freiheit, sondern mit ganz traditionellen Werten. Die Zeit "der wilden Jungs-WGs" ist vorbei, Pärchenwohnungen sind die Zukunft. Während die jungen Leute so allmählich auf eigene Familienstrukturen zusteuern, stehen ihre Eltern an einem ganz anderen Wendepunkt und kündigen die familiären Bindungen auf.

Das Scheitern der Eltern

Ausgerechnet an einem Weihnachtsabend etwa enttarnt Philipps Vater das heile Familienleben der letzten zwei Jahrzehnte als Zweckgemeinschaft zum Wohl der Kinder, und ein anderer, lange abwesender Vater wiederum sieht sich überhaupt nicht in der Verantwortung, weil er ohnehin nie an die klassische Kernfamilie geglaubt hatte. Für ihre erwachsenen Kinder ist das ein Schock, hielten sie bislang nur ihr eigenes Leben für so unsicher. Stattdessen aber sind die heutigen Twentysomethings nicht die Ersten, die sich das Scheitern ihrer Beziehungen und Lebensentwürfe eingestehen müssen. Ihre Eltern haben dies nur länger erfolgreich geheim gehalten. Was letztlich bleibt, ist trotz chaotischer Beziehungen ein relativ stabiler Freundeskreis, der sich an dem Refrain aus einem Lied von Die Sterne festhalten kann: "Wir müssen nichts so machen wie wir's kennen, nur weil wir's kennen wie wir's kennen." Das entlastet zwar, gibt aber immer noch keine Richtung vor.

Eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2012

Ja, "3 Zimmer/Küche/Bad" verzettelt sich ein wenig, sobald er sich auf die Schicksale der Elterngeneration einlässt, er zeigt stetige Veränderungen ohne eine tatsächliche Entwicklung der Figuren, er ist zu lang und ganz selten auch ein wenig zu albern. Seine Kunst liegt darin, dass er trotzdem sehr viel Spaß macht und dabei nicht nur auf pointierte Dialoge, sondern auch sehr viel auf Bildwitz setzt und mit viel Liebe zum Detail inszeniert wurde. Hier funktioniert nicht nur der alte slapstickhafte Kalauer, dass in einer Szene dreimal hintereinander Geschirr herunterfällt, sondern auch der selbstironische Schuss-Gegenschuss, wenn ein potenzielles neues Pärchen miteinander telefoniert und er ein T-Shirt mit "Nein"-Aufdruck trägt, während auf ihrem ein großes "Ja" prangt. Vor allem aber ist Brüggemanns Ensemblefilm keine seelenlose Gagparade. Er nimmt seine Figuren ernst – und wenn sie sich unrealistisch überdreht verhalten, dann doch nur, weil der Film damit einen Blick hinter die Fassade der familiären, partnerschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen werfen kann. Ebenso liefert der Soundtrack nicht nur schöne Hintergrundmusik, sondern verleiht dem Film eine wunderbare Melancholie. Ob "3 Zimmer/Küche/Bad" nur die Momentaufnahme eines Lebensgefühls ist, ein Schnappschuss wie jene Fotos, die Philipp immer wieder schießt, oder über Jahre Bestand hat, wird sich zeigen. Jetzt gerade aber trifft er den Nerv der Zeit ziemlich gut. Und zwar so, dass man trotz allem auch noch sehr darüber lachen kann.

3 Zimmer/Küche/Bad, Deutschland 2012, Regie: Dietrich Brüggemann, Buch: Anna Brüggemann, Dietrich Brüggemann, mit Jacob Matschenz, Katharina Spiering, Anna Brüggemann, Alexander Khuon, Robert Gwisdek, Alice Dwyer u.a., 118 min, Kinostart: 4. Oktober 2012 bei Zorro

Fotos: © Zorro

Stefan Stiletto ist Medienpädagoge und Filmjournalist und lebt in München.



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