Orwa Nyrabia - Film als Bedrohung für die Diktatur

Der Kampf um die Deutungshoheit

4.10.2012 | Andreas Resch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit Monaten hielt das Schicksal von "Pussy Riot" die Weltöffentlichkeit in Atem. Bei allem berechtigten Protest geht dabei ein wenig unter, dass im heftig umkämpften Syrien die Inhaftierung und Ermordung von für das Assad-Regime unbequemen Künstlern, Journalisten und Intellektuellen auf der Tagesordnung steht. Am 28. Mai 2012 wurden der Filmemacher Bassel al-Shahade und sein erst 21 Jahre alter Kameramann Ahmed al-Assam getötet, als sie die Regierungstruppen in der Stadt Homs während eines Angriffs filmten. Anfang September starb der Regisseur und Journalist Tamer al-Awam in Aleppo bei einer ähnlichen Aktion. Am 23. August wurde zudem mit Orwa Nyrabia eine der prägenden Figuren des jungen syrischen Kinos am Flughafen von Damaskus festgenommen, als er einen Flug nach Kairo antreten wollte. Erst knapp drei Wochen später, am 12. September, wurde er nach massiven internationalen Protesten, unter anderem von prominenten Filmschaffenden wie Martin Scorsese und Robert De Niro, wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Opposition mit dem Leben bezahlt

In einem Artikel, der kürzlich in deutscher Übersetzung in der taz erschienen ist, kritisiert der syrische Schriftsteller Mohammad al-Attar die Untätigkeit vieler syrischer Intellektueller, die "den Volksaufstand (...) längst im Stich gelassen" hätten. Auf die syrischen Filmemacher trifft dies mit Sicherheit nicht zu – was nicht zuletzt die traurigen Schicksale von Bassel al-Shahade und Tamer al-Awam belegen. Dass gerade sie so massiv angegangen werden, ist kein Zufall. Denn auch wenn es innerhalb Syriens mitunter ziemlich schwierig ist, Zugang zum Internet zu erlangen, und viele Filmemacher ihre Aufnahmen aus Sicherheitsgründen lieber im Ausland, vor allem im Libanon, hochladen: Aufgrund der digitalen Technologien, die es erlauben, äußerst kostengünstig und mit nur geringem logistischen Aufwand zu filmen und die Bilder anschließend einer breiten – internationalen – Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist das Medium Film eine nicht zu unterschätzende Gefahr für das Assad-Regime. Im Kampf um die Deutungshoheit über die tagtäglich in die globale Medienmaschinerie eingespeisten Bilder wird Kompetenz im Umgang mit medialen Mitteln zur Bedrohung für das Regime. Wie kein Zweiter steht hierfür der Dokumentarfilmer Orwa Nyrabia.

Gemeinsam die Gesellschaft verändern

Seit nunmehr einem Jahrzehnt arbeitet Nyrabia daran, Strukturen für eine unabhängige syrische Filmwirtschaft jenseits der Staatsdoktrin zu schaffen. 1977 in Homs geboren, hat er zunächst Schauspiel am "Institut für Dramatische Künste" in Damaskus studiert und zudem regelmäßig für die libanesische Tageszeitung As-Safir geschrieben. Er hat als Regieassistent mit Filmemachern wie dem Ägypter Yusri Nasrallah zusammengearbeitet, in dessen "La Porte du Soleil" er zudem eine tragende Rolle übernahm. Der Film wurde 2004 in Cannes außer Konkurrenz gezeigt. Nach einem Produktionsstudium an der Sorbonne hat Orwa Nyrabia 2002 zusammen mit Diana El Jeiroudi, seiner Ehefrau, Proaction Film gegründet, die erste unabhängige Produktionsfirma Syriens. "Mit Proaction Film streben wir Integrität und Unabhängigkeit an. Wir laden andere ein, gemeinsam mit uns an einer Veränderung zu arbeiten", heißt es auf der Proaction-Website. Kein Wunder, dass Nyrabia ins Fadenkreuz eines repressiven Regimes gerät.

Das erste syrische Dokumentarfilmfestival

2008 hat Orwa Nyrabia, ebenfalls gemeinsam mit Diana El Jeiroudi, DOX BOX ins Leben gerufen. Eigentlich hätte DOX BOX im März dieses Jahres zum fünften Mal stattfinden sollen. Doch aus Solidarität mit der Protestbewegung entschied man sich, das Festival abzublasen und stattdessen am 15. März 2012, dem Jahrestag des ersten syrischen Aufstands, einen "Dox Box Global Day" durchzuführen: ein dezentralisiertes Festival, dessen teils improvisierte Struktur gleichermaßen vor Zugriffen der Staatsgewalt schützt wie sie eine größtmögliche weltweite Wahrnehmung sicherstellt. Der "Dox Box Global Day" wurde zu einem großen Publikumserfolg auch in Berlin, wo sich das arabische Filmfestival Alfilm an dem Projekt beteiligt hat. Gezeigt wurden Filme von Altmeistern des syrischen Kinos wie Omar Amiralay und Ossama Mohammad als auch Werke von jungen Filmemachern/innen wie Nidal al-Dibs, Rami Farah oder Joude Gorani.

Drei Wochen im syrischen Gefängnis

In einem Statement, das Orwa Nyrabia kurz nach seiner Freilassung veröffentlichte, bedankte er sich für die "unglaubliche Solidarität", die ihm entgegengeschlagen sei und die dazu geführt habe, seine Gefangenschaft einigermaßen glimpflich ablaufen zu lassen. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, um auf die unzähligen politischen Gefangenen hinzuweisen, deren Namen einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt sind und für deren Befreiung sich deshalb weit weniger medienwirksam eintreten lässt. "Politische Gefangenschaft ist eine Schande, ein Stigma, das die Seele eines jeden Individuums auf dieser Erde befleckt", heißt es in seiner Stellungnahme. Und: "Es liegt in unserer Verantwortung, eine Welt zu schaffen, in der man sich dafür schämt, dass es so etwas jemals gegeben hat." Orwa Nyrabia arbeitet weiterhin aktiv an der Realisierung dieses Ziels.

Andreas Resch lebt in Berlin und arbeitet als Journalist und Drehbuchautor.

Foto: © Proaction Film



Die Website des internationalen Dokumentarfilmfestivals in Syrien, DOX BOX

Mehr zum Filmschaffen von Proactionfilm.com

Die Youtube-Ansprache des libanesischen Dokumentarfilmers Mahmoud Kaabour, aufgenommen in der Nacht nach Nyrabias Verhaftung

Unter dieser Domain findet sich auf Youtube der "Free-Orwa"-Clip, in dem sich u.a. Robert De Niro, Michelle Rodriguez und Judd Apatow für Nyrabias Freilassung einsetzen.





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