Der Fluss war einst ein Mensch

Ein Fremder in der Fremde

Kinostart: 27.9.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein junger Schauspieler reist durch Botswana und unternimmt mit einem alten Mann eine Bootsfahrt durch das Okavango-Delta. Am Abend sitzen die beiden gemeinsam am Lagerfeuer, radebrechen und lauschen den Geräuschen der wilden Tiere in der Finsternis. Am anderen Morgen ist der alte Mann tot und in dem jungen Schauspieler dämmert ganz allmählich das Bewusstsein der Gefährlichkeit seiner Situation: Er kann mit dem Boot nicht umgehen, er kennt sich nicht aus, er kennt nicht die Geräusche der Wildnis, er kann nicht jagen und auch kein Feuer machen. Sein Leben ist bedroht, ganz konkret. Er hat Angst, die sich in Panik wandelt, er ist verzweifelt, er resigniert. Dann stößt er auf ein Dorf. Und tatsächlich spricht da einer Englisch …

Der Zivilisierte in der Wildnis, der weiße Mann, der der Faszination des schwarzen Kontinents erliegt und sich im Exotischen verliert – Jan Zabeils Debütfilm "Der Fluss war einst ein Mensch" lässt an Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" denken. In dem wurde gleichermaßen ein weißer Mann von Afrika buchstäblich geschluckt, verschwand als Arzt und Entwicklungshelfer, verfiel als Mensch den dortigen, fundamental anderen Daseins- und Wahrnehmungsweisen.

Im Unterschied zu Köhler verzichtet Zabeil allerdings darauf, seiner Geschichte geopolitischen Ballast aufzubürden und dadurch eine intellektuelle Ebene einzuziehen. Stattdessen lässt er seinen weißen Protagonisten zunächst in der Gegenwart und dann in den Mythen des Landes verloren gehen, stürzt ihn ohne Netz und doppelten Boden ins total Andere und vollkommen Fremde. Wie sich dieser Sturz ins Bodenlose sodann filmisch auswirkt, ist außerordentlich und – nicht zuletzt dank Alexander Fehlings ("Wir wollten aufs Meer", "Goethe!") fulminantem schauspielerischem Solo – faszinierend zu sehen.

Dabei verweigert sich Zabeil, dessen Beziehung zum Handlungsort sich über Kindheitsbesuche bei einem Onkel ergab, der viele Jahre am Rande des Deltas lebte, konsequent der Erwartung, das Geschehen aufzu- oder zu erklären. Er hält die Narration im Unwägbaren, ohne damit, und das ist das Überraschende, zu irritieren. Vielmehr vertieft die Befremdlichkeit sogar noch die Faszination. "Scheinbar gibt es in der Wahrnehmung der Welt verschiedene Realitäten, die miteinander nicht in Einklang zu bringen sind", sagt Zabeil und fährt fort: "Das ist eine Erfahrung, die ich auch anderen zugänglich machen möchte – sich mit dem Helden in einem sinnlichen Erlebnis zu verlieren, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm, beziehungsweise zwischen Realismus und Fantasie verschwimmen." Ein Film als ein Erfahrungsraum, in dem der Boden unter den Füßen des Zuschauers wegbricht, und dieser, statt abzustürzen, zu schweben beginnt? Eine schwierige Übung, doch sie ist gelungen.
Alexandra Seitz

Der Fluss war einst ein Mensch, Deutschland 2011, Regie: Jan Zabeil, Buch: Jan Zabeil, Alexander Fehling, mit Alexander Fehling, Sariqo Sakega, Obusentswe Dreamar Manyima, Babotsa Sax'twee, Nx'apa Motswai u.a., OmU, ab 6, 83 min, Kinostart: 27. September 2012 bei Filmgalerie 451

Foto: © Filmgalerie 451



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