Mensch 2.0 - Die Evolution in unserer Hand

Puzzlestück Mensch

Kinostart: 27.9.2012 | Stefan Brückner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was macht einen Menschen aus? Mit dieser Frage werden Wissenschaftler zwangsläufig konfrontiert, wenn sie versuchen, Menschen in Form von Robotern zu reproduzieren. Diese Frage erforscht auch der Dokumentarfilm "Mensch 2.0", den Filmguru Alexander Kluge zusammen mit Basil Gelpke gedreht hat. Wie für Kluge üblich, wurde es etwas komplexer als der Standard – das Mammutprojekt erschien letztes Jahr in einer DVD-Box mit zwölf Stunden Länge. Die Kurzfassung kommt nun in die Kinos.

Der Zusatz "2.0" zeigt bereits, dass Menschsein keiner starren Definition unterliegt, sondern ein historisch extrem dehnbarer Begriff ist. Der moderne Mensch ergründet sich mittels Technikbegeisterung, indem er sich selbst nachzubilden versucht. So hat der Wissenschaftler Hiroshi Ichiguru einen Androiden erschaffen, der ihn zum Verwechseln ähnlich sieht. Er will das menschliche Bewusstsein besser verstehen. Andere Stimmen sind kritischer. Sie fragen sich, ob der Mensch sich selbst ersetzen will, oder vermerken, dass künstliche Intelligenz nicht in künstlich hergestellten Objekten sichtbar werden kann. Die Leistung des Films liegt darin, dass kein naheliegender Kampf zwischen den Future-Fronten propagiert wird. "Mensch 2.0" zeigt vielmehr in einem besonnenen Rundumschlag, was in einer futuristischen Wissenschaftswelt mit humanoiden Robotern heute schon möglich ist.

Gespräche mit Neurowissenschaftlern, Philosophen oder Künstlern sollen die essayistische Dokumentation und damit auch das Puzzlestück Mensch zusätzlich zusammenfügen. Mit dem im Off-Ton allgegenwärtigen und oft umständlichen Alexander Kluge finden sich kaum einfache Antworten auf unsere Fragen. Helge Schneider in Wehrmachtsmontur schabernackt über rohe Eier und Anselm Kiefer spricht über die wichtigsten Sekunden eines Bergsteigers. Was das mit dem Menschen zu tun hat, erschließt sich erst auf dem zweiten Blick: Wir haben so etwas wie einen Gleichgewichtssinn, treffen Entscheidungen aus dem Bauch heraus und besitzen eine innere Uhr.

Die wissenschaftlichen und philosophischen Ansätze im Film sind durchweg spannend. Sind wir bereits Cyborgs, wenn wir uns einen Chip implantieren lassen, der eine Roboterhand bewegen lässt? Kann man mittels Nervenzellen Vernunft überall hinverpflanzen und damit Joseph Beuys' Ausspruch "mit dem Knie denken" wahr machen? Leider sind die einzelnen Filmsequenzen weniger anregend visualisiert. Die seit Jahren immer gleichen, altbackenen und überfrachteten Zwischentitel aus News & Stories und das Prinzip der "talking heads" machen die Dokumentation zu einer ganz schweren Kost. Gelpke und Kluge setzten auf Inhalt, nicht auf Ausdruck, obwohl im Thema ein unbändiges visuelles Potenzial steckt.
Stefan Brückner

Mensch 2.0 - Die Evolution in unserer Hand (Dokumentarfilm), Deutschland, Schweiz 2011, Buch & Regie: Alexander Kluge, Basil Gelpke, mit Helge Schneider, Anselm Kiefer, Michel Serres, Hans Magnus Enzensberger, Frank Schirrmacher u.a., o.A., 108 min, Kinostart: 27. September 2012 bei EYZ Media

Foto: © EYZ Media



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