Filmemacher Florian Opitz hat ein Zeitproblem
Florian Opitz hat viel Zeit aufgewendet. Das sieht man seinem Film an, der zumindest teilweise gewollt weniger Diagnose ist als Symptom seiner selbst: Zu viel Hektik, zu viel Information, zu wenig Struktur – so verplempern wir unsere Zeit. Und haben deshalb immer weniger davon. Sein grundlegendes Problem will Opitz gar nicht verschleiern, im Gegenteil: Ein Jahr hat der Dokumentarfilmer gebraucht für ein halbstündiges Interview mit einer knallharten Unternehmensberaterin, das überhaupt nichts bringt. Ausgerechnet ins Interview mit dem Psychotherapeuten – er diagnostiziert Anfangssymptome eines Burn-Outs – klingelt sein Handy. Abstellen? Einfach mal Pause machen? Warum brüten wir stundenlang über Dingen, die uns nichts angehen oder krankmachen? Woody Allen hätte gesagt: Weil wir die Eier brauchen. Und Opitz braucht seinen Dokumentarfilm. Statt sich aber grundlegende Gedanken über moderne Arbeits- und Kommunikationsstrukturen – warum verschaffen uns die neuen elektronischen Hilfsmittel eigentlich kein Zeitplus, sondern eher das Gegenteil? – zu machen, sucht er nach Alternativen: Im asiatischen Bhutan arbeitet die Regierung neuerdings am Bruttonationalglück statt am Wachstum; ein Milliardär stiftet in Chile tolle Öko-Projekte zur "Beschleunigung der Entschleunigung". Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wird immerhin angerissen. Doch es bleibt bei einer unverbindlichen Ratlosigkeit.
Hätte der Film die sympathische Ironie von Marko Doringers "Mein halbes Leben", ebenfalls ein Ich-Bericht, wäre das rundum verzeihlich und vielleicht sogar abendfüllend. So bietet der etwas larmoyant geratene Film dann doch sehr ungewollt eine prächtige Gelegenheit, Zeit zu sparen.
Philipp Bühler
Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Dokumentarfilm) Deutschland 2012, Buch & Regie: Florian Opitz, mit Florian Opitz, Hartmut Rosa, Lothar Seiwert, Bernd Sprenger, Alex Rühle u.a., OmU, ab 6, 97 min, Kinostart: 27. September 2012 bei Camino
Foto: © DJV.jpg
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