The Deep Blue Sea

Liebessog

Kinostart: 27.9.2012 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

London, 1950. Unerfüllt von ihrer Ehe mit einem älteren Richter flüchtet sich Hester (Rachel Weisz) in eine leidenschaftliche Affäre mit dem mittellosen Ex-Air-Force-Piloten Freddy (Tom Hiddleston). Doch Freddy liebt Hester nicht mit der gleichen Ausschließlichkeit, mit der sie ihn liebt. Die Erinnerungen an den Krieg lassen ihn nicht los. Und so stürzt er sich immer wieder aufs Neue ins Nachtleben, um sich zu betäuben. Als Freddy schließlich Hesters Geburtstag vergisst, versucht sie sich das Leben zu nehmen. Doch Hester wird gerettet. Vorerst.

Für die aktuellen Moden des Kinos hat sich Terence Davies während seiner bald 40-jährigen Regielaufbahn nie interessiert. Da bildet auch "The Deep Blue Sea", der wie die meisten Filme des Autorenfilmers im England der Nachkriegsjahre spielt, keine Ausnahme. Tatsächlich wirkt Davies Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von Terence Rattigan nicht nur in der Stoffwahl ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Auch der ruhige elegische Tonfall des Kammerspiels, die ausdauernden, sich ganz auf die Gefühlsregungen der Heldin konzentrierenden Kamerabewegungen und der weitgehende Verzicht auf Filmmusik haben mit aktuellem Mainstreamkino nichts gemein. Wer aber empfänglich ist für die feinen Nuancen der Dialoge, für das subtile Spiel der Darsteller und natürlich auch für die Präsenz der schönen Rachel Weisz, dem bietet "The Deep Blue Sea" ein ungewöhnlich emotionales Kinoerlebnis.

Im Gesicht von Rachel Weisz findet Davies' Film von der ersten Einstellung an seinen optischen Dreh- und Angelpunkt. Wie ein Geist taucht Hesters bleiches Antlitz anfangs hinter den Sprossen eines dunklen Fensters auf: eine Gefangene ihrer Leidenschaft. Als sie kurz darauf den Gashahn aufdreht, um sich zu töten, beginnt eine furiose Rückblende. Hesters und Freddys Begegnung wird hier zum Taumel, der in einem von der Kamera in einer wunderbaren Kreisbewegung eingefangenen Liebesakt mündet. Die Erinnerung an diesen intensiven Glücksmoment schwebt über dem gesamten Film. Die Stille, die Hester umfängt, lässt die Abwesenheit des Glücks umso schmerzlicher hervortreten und verleiht ihren Worten eine besondere Prägnanz. Was ihr zugestoßen sei, wird Hester nach dem versuchten Suizid von ihrem Ehemann gefragt. "Love", antwortet sie: "That's all."

"The Deep Blue Sea"ist ein vielschichtiges Werk, das von den erstarrten Konventionen der sich auflösenden britischen Klassengesellschaft handelt wie auch von den Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der Menschen. Vor allem aber fasziniert der Film als düster-melancholische Liebesgeschichte. Liebesglück, vermittelt "The Deep Blue Sea", kann man nicht festhalten. Wer es versucht, läuft Gefahr, wie in einem Strudel zu versinken.
Jörn Hetebrügge

The Deep Blue Sea, USA, Großbritannien 2011, Buch & Regie: Terence Davies nach dem Drama von Terence Rattigan, mit Rachel Weisz, Tom Hiddleston, Simon Russell Beale, Ann Mitchell, Jolyon Coy, Karl Johnson u.a., o.A., 98 min, Kinostart: 27. September 2012 bei Kinostar

Foto: © Kinostar



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