Beruf: Filmkritikerin

Ein Erfahrungsbericht

28.9.2012 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Ach ja, das möcht' ich auch mal, so viele Filme sehen", sagen mir oft Bekannte, halbwegs neidisch. Wie viel Arbeit damit verbunden ist, aktuell zu bleiben, keine verborgenen Schätze zu übersehen, etwa drei Stunden mit An- und Abfahrt mit der Sichtung eines neuen Films zuzubringen, Fachpresse zu lesen, Filme, die groß rauskommen werden, schon früh in Erfahrung zu bringen – Arbeitsalltag. Ich könnte, nicht nur auf Filmfestivals, den ganzen Tag im Kino zubringen. Innerlich gegen alle Alltagswidrigkeiten die Tür zumachen, doch das Herz wieder weit auf, wie es Fassbinder, wie es Truffaut und, und, und, wie es alle Kinoleidenschaftlichen getan haben und tun.

Morgens um 10.30 Uhr fängt es an, in den Berliner Ku'damm-Kinos oder in Berlins neuer, alter Mitte. Manche lassen noch den Geist der Weimarer Republik ahnen, die meisten den der 1960er-Jahre, als das Private politisch und das Politische privat war. In den Multiplexen verschluckt der Teppich den Atem und die Gefahren: Handy, Bildkamera, mögliche Aufnahmegeräte werden gecheckt, oh Wunder nur, dass es keine Bodyscans gibt. Dafür ein Getränk und die immer freundliche Pressedame, um zu fragen: Und würden Sie uns noch etwas zum Film sagen? Na, der war einfach scheiße!

Austarieren zwischen Subjekt- und Objektivität

Das, natürlich, ist keine Filmkritik. Filmkritik muss dem Film gerecht werden, auch wenn der persönliche Eindruck von angewidert bis gelangweilt reicht. Muss begründen in Kameraarbeit, Schnitt, Rhythmus, Tonebene, Lichtsetzung, Schauspielerführung, Kostüm, Innendeko, Drehort, Farbgebung, bis hin zur Körnung des Filmmaterials – welchen Flow ein Film oder warum er eben so gar keinen Drive hat. Warum funktioniert ein Film? Wie funktioniert er, welche Erinnerungsabteile in unserem Kopf, in unserem Empfinden spricht er an – oder eben nicht? Wie wird Gewalt gezeigt und welche politisch-ästhetischen Fragen implementiert etwa das Remake von "Total Recall"? Vielleicht entziehen sich diese Filme einfach der Filmkritik, sind vielmehr Spiegel der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Thesen ließen sich aufstellen wie die, dass die Neuauflagen von "Total Recall", "Robocop" oder "Starship Troopers" wesentlich weniger brutal gestaltet sind als "John Rambo" oder "Conan" aus den 80ern, um eine FSK-Freigabe auch für Jugendliche zu erlangen. Inwiefern sind die Big Pictures einfach eine Gelddruckmaschine? Lagen die Kosten für Action- und Gewaltfilme Mitte der 80er meist noch um die 30 Millionen Dollar, schnellte das benötigte Budget auf über 100 Millionen heute. Dementsprechend massenkompatibler oder auch weichgespülter zeigen sich diese Filme, um die investierten Gelder rasch einzuspielen.

Service für Kinogänger

Filmkritik ist Teil des Tagesgeschäfts für Zeitungen, Radio oder Online-Medien; für weiterreichende Betrachtungen ist neben der Dienstleistung, die Bedienungsanleitung für einen Film zu liefern, oft kein Platz. Doch es gilt, abseits allzu direkter Zeigefingerdidaktik, etwa von oben herab, abseits pseudo-intellektueller Schwafeleien, die Leserinnen und Leser nicht blind ins Kino gehen zu lassen. Es gilt mit der Klaviatur der Buchstaben und des Satzbaus entweder das Faszinosum eines Films zu vermitteln oder die Seichtheit und Überflüssigkeit mancher gar sehr selbstreferentieller Filme zu entlarven. Aber nicht nur die Filme geraten in die Kritik, auch die Kritiker selbst. Regisseur Romuald Karmarkar etwa verteidigte 2004 auf der Berlinale-Pressekonferenz gegen die erbosten und empörten Journalisten seine Theateradaption "Die Nacht singt ihre Lieder" damit, dass "zu viele Journalisten zu viele amerikanische Filme gucken". Und Til Schweiger betreibt eigens Pressezensur; er verweigert jegliche Vorabschau für Journalisten. Seine neuen Filme bekamen die deutschen Soldaten in Afghanistan zur Weltpremiere zu sehen – damit die Welt Til Schweiger sehen kann im Kampf für das Gute an vorderster Front.

Ausdrucksformen finden

Jeder Film hat seine Sprache, die es zu entdecken gilt, die ist oftmals simpel wie bei Schweigers "Kokowääh", manchmal verklausuliert und kompliziert in der Dechiffrierung wie bei Christian Petzold, der eben keine einfachen Wahrheiten liefern will. Im Kino werden die Heldinnen und Helden geschaffen, die das transportieren, was die Gesellschaft zusammenhalten oder – warnend – sprengen könnte. Ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis einer der wichtigsten Produzenten für deutsche Themen – Nico Hofmann – sich nach dem Guttenbergschen Fiasko mit der Komödie um seinen neu erfundenen Freiherrn zu Donnersberg, nach dem Zuschauerzuspruch zu "Die Flucht", "Dresden", "Mogadischu", "Dutschke" nun der NSU annehmen wird? Zwei Männer und eine Frau. Eine Frau, eine Katze, eine Wohnung, ein Wohnmobil zu dritt, Campingplatzferien auf Fehmarn. Der Untergrund heißt nicht mehr RAF, sondern NSU.

Zeitreisen

Es gilt, dem Film ein Sprachrohr zu sein. Alle unsere Sinne bilden wir aus, um empfänglich zu sein, warum nicht die Empfänglichkeit stärken für ein audiovisuelles und einzigartiges Kunstwerk, als das sich der Film bezeichnen darf? Die Filmkritik sollte sich vielleicht heute selbst auf den Prüfstand stellen, in einer Zeit, in der jeder Disney-Streifen dreidimensional hochgerechnet werden muss. Ohne die Option auf eine 3D-Vorführung lässt sich unser Ältester mit neun Jahren kaum ins Kino locken. Doch getrotzt allen digitalen Spielereien aus der Postproduktion gewann "The Artist" in diesem Jahr den Oscar: Das Publikum zeigte sich bereit für eine Zeitreise in die ferne Epoche der Stummfilmzeit mit diesem Pas de Deux im Gewand eines schwarz-weißen Filmklassikers.

Das ist Kino: Das Versprechen einer Reise ins Selbst oder in fremde Kulturen in neunzig Minuten. Die Kritik mag dafür den Reiseführer geben. Die Mehrheit fährt gut mit Merian oder Baedeker, doch manche Reiseführer wie die von Bruce Chatwin oder Mark Twain sind eben – Literatur. Dann kann die Filmkritik in ihrem besten Falle gar als ein eigenständiges literarisches Kleinod gelten. Es gilt, sie zu lesen oder zu schreiben in der großen, weiten Presselandschaft.

Silke Kettelhake studierte Anfang der neunziger Jahre Filmwissenschaften an der Freien Universität Berlin u.a. bei Karsten Witte, nimmt regelmäßig Siegfried Kracauers Schriften zum Kino ein, wie "Die Angestellten" oder "Von Caligari zu Hitler", und möchte ihre Zeit der Entdeckungsreisen in Ostberliner Kinos nicht missen.

Foto: © cydonna/photocase.com




Das Seminar für Filmwissenschaften am Institut für Theaterwissenschaften, Freie Universität Berlin

Auch an der Universität Mainz ist ein B.A. in Filmwissenschaft möglich

Online-Informationsressourcen der Film- und Fernsehwissenschaft unter filmlink.de

Der Wegweiser des Goethe-Instituts zum deutschen Film





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