De Engel van Doel

Allein in der Geisterstadt

Kinostart: 20.9.2012 | Melanie Dorda | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die kleine Stadt Doel im Norden Belgiens soll dem Ausbau des Hafens von Antwerpen weichen. Seit den 1970er-Jahren herrscht Baustopp, nach und nach verlassen die Bewohner ihre Häuser und die Abrissbirne kreist. Emilienne ist Mitte 70 und hat ihr ganzes Leben in Doel verbracht. Hier hat sie in ihrer Kindheit einen Engel gesehen, wie sie erzählt. Er sei in einem blauen Anzug aus den Wolken erschienen und wieder dorthin verschwunden. Jetzt ist sie selbst zu einer Art Engel geworden, einem der letzten, der über Doel wacht.

Während Freunde und Bekannte wegziehen, verharrt Emilienne in ihrer Heimatstadt. Sie füttert ihre Hühner und Katzen in ihrem wilden Garten und besucht ihren Mann auf dem Friedhof. Den "vernünftigen" Argumenten ihrer Nachbarn und Freundinnen, alles zurücklassen und irgendwo anders neu anzufangen, will sie nicht nachgeben. Doch als sie sich hilfesuchend an den Bürgermeister wendet, erhält sie von ihm nur leere Versprechungen. Dann gibt auch Colette, ihre engste Freundin, auf und zieht fort, und der Pastor, der bislang tapfer ausgeharrt und seine schrumpfende Gemeinde betreut hat, stirbt, womit Emilienne auch ihre letzten Verbündeten im Kampf gegen Politik und Bürokratie verliert. Mit den jungen Leuten, die plötzlich ihre Zelte in der verlassenen Stadt aufschlagen, Grafitti sprühen und mit Konzerten und lauten Partys ihren Protest gegen den Abriss von Doel zelebrieren, kann Emilienne nichts anfangen. Was wissen diese Fremden von Doel, ihrer Stadt?

Der niederländische Filmemacher Tom Fassaert hält die Entwicklung von Doel in eine Geisterstadt in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern fest. Aus einem der verlassenen Häuser heraus fängt er die neugierigen Blicke der Touristen ein, die sich in Bussen in die leere Stadt karren lassen, um die Sensation zu bestaunen. Die leergefegten Straßen und klappernden Fensterläden, die er festhält, erzeugen eine bedrückende Atmosphäre. Es ist beeindruckend und mutig, wie nah Emilienne und Pastor Verstraete den Filmemacher an sich heranlassen, was sie von sich preisgeben. So ist ein intimes Porträt dieser Menschen entstanden und eine emotionale, aber unsentimentale Dokumentation über Protest, Verlust und Vergänglichkeit.
Melanie Dorda

De Engel van Doel (Dokumentarfilm), Niederlande, Belgien 2011, Buch & Regie: Tom Fassaert, OmU, 77 min, Kinostart: 20. September 2012 bei arsenal distribution

Foto: © arsenal distribution



Mehr Infos zu "De Engel van Doel"

"De Engel van Doel" - die Filmwebseite (englisch)
"De Engel van Doel" – Infos vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "De Engel van Doel" auf filmz.de




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