Liebe

Ein schönes Leben

Kinostart: 20.9.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein junges Paar, das sich endlich in den Armen liegt. Ein intensiver Kuss. Und dann das Happy End. Das Kino spielt nur zu gern romantische Vorstellungen von der ganz großen Liebe durch, die sich einmal gefunden hat und dann weit über den Abspann hinaus, womöglich zeitlebens, überdauert. Doch was bedeutet solch ein Happy End tatsächlich? Was passiert, wenn ein Paar zusammen alt wird? Wenn Alter, Krankheit und Zeit gegen die Beziehung arbeiten und nach einem erfüllten Leben die letzten gemeinsamen Monate, Tage, Sekunden ablaufen? Michael Hanekes "Liebe" setzt genau in dieser letzten Lebensphase ein. Der Film, für den der Österreicher nach "Das weiße Band" zum zweiten Mal hintereinander mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, zeigt das Musikprofessoren-Paar Anna (Emmanuelle Riva) und Georg (Jean-Louis Trintignant), beide jenseits der 80, am Ende eines lebenslangen gemeinsamen Weges.

Kammerspiel zweier Liebender

Den Ausgang der Geschichte, zumindest einen Teil davon, nimmt Haneke gleich mit der ersten Szene vorweg. Die Feuerwehr dringt in eine Pariser Altbauwohnung ein und stößt die mit Klebeband abgeklebte Tür zum verschlossenen Schlafzimmer auf. Dort liegt Anna tot auf dem Bett, in einem weißen Kleid, mit vielen Blumen, die um sie herum liegen. Was genau dahintersteckt und wie es dazu kam, wird in "Liebe" in einer spielfilmlangen Rückblende erzählt. Anfangs blickt man in den Zuschauerraum eines Pariser Theaters, kurz bevor ein klassisches Konzert beginnt. Mittendrin, unter all den anderen Zuschauern, sitzen Anna und Georg, deren Alltag sich nur kurze Zeit später für immer verändern wird. Denn Anna erleidet erst einen Schlaganfall, der sie halbseitig lähmt und sie an den Rollstuhl fesselt. Später folgt ein zweiter Anfall, der sie bettlägerig und zu einem Pflegefall macht. Trotz aller Beschwerlichkeiten pflegt Georg sie aber zu Hause. Kein Krankenhaus, kein Heim – das musste er seiner Frau versprechen, und er wird sein Versprechen bis zum Ende halten.

Der Konzertabend gleich zu Anfang bleibt das einzige Mal, dass man das Paar außerhalb seiner eigenen vier Wände sieht. Danach wird "Liebe" zum Kammerspiel, das sich ausschließlich in die Pariser Altbauwohnung des Paares zurückzieht, die voller Jahrzehnte gelebten Lebens und gelebter Hochkultur ist: Die Wände hängen voller Kunst, Zeichnungen und Gemälde. Die mit Büchern gefüllten Regale reichen die hohen Wände hinauf. Und ein alter Flügel steht inmitten der schweren, alten Möbel. Das metropolische Treiben erahnt man nur hin und wieder hinter den großen Fenstern, wenn hinter den weißen Vorhängen im Hintergrund ein Ausschnitt des Verkehrs einer großen Pariser Straße zu sehen ist. Diese Welt da draußen scheint zunehmend weiter weg von der Lebenswirklichkeit des Paares.

Nur manchmal kommt diese Außenwelt in die Wohnung. Wenn der hilfsbereite Nachbar die Einkäufe bringt. Ein ehemaliger Student vorbeischaut, der ein erfolgreicher Pianist geworden ist. Oder die Krankenschwester, die von Georg gefeuert wird, nachdem sie Anna grob die Haare gekämmt und ihr mit den Worten "Schauen Sie, wie schön Sie sind!" quälend einen Spiegel vorgehalten hatte. Mehrfach kommt auch die besorgte Tochter (Isabelle Huppert) von Anna und Georg zu Besuch, die selber Musikerin ist und eigentlich in England lebt. In ihrer Figur spiegelt sich dieses dringende Bedürfnis wider, etwas tun und in die Situation eingreifen zu müssen. Dabei wird aber vor allem die quälende Rat- und Hilflosigkeit deutlich, mit der jeder Mensch früher oder später im Umgang mit den eigenen alten Eltern, Verwandten oder Freunden konfrontiert wird.

Abschied für immer

Doch selbst Isabelle Huppert bleibt hier nur eine Randfigur. Denn der Film wird zur intimen Bühne für zwei große, alte Stars des französischen Kinos und für ganz großes Schauspielerkino. Trintignant ("Z", 1969; "Drei Farben: Rot", 1994) kehrt mit "Liebe" nach fast zehn Jahren für eine Rolle auf die Leinwand zurück. Als Georg bringt er seine eigene Gebrechlichkeit mit ein, während er seine Frau pflegt, und ist mehr als nur das Idealbild des treusorgenden Ehemanns, sondern mal störrisch, mal liebevoll, panisch, bestimmt und verzweifelt. Riva ("Hiroshima - Mon Amour", 1959) hingegen, anfangs noch eine sehr schöne, alte Frau, macht langsam den körperlichen Verfall und die Qual sichtbar, die der zunehmende Kontrollverlust über den eigenen Körper bedeutet.

Diesen Abschied in kleinen Schritten fängt Haneke völlig unsentimental und in einer elliptischen Erzählweise nicht nur mit derselben Präzision ein, mit der er in Filmen wie "Funny Games" (1997) oder "Die Klavierspielerin" menschliche Abgründigkeiten analysierte. "Liebe" teilt mit den vorherigen Filmen auch die Schonungslosigkeit, mit der Haneke seit jeher aufwühlt. Doch anders als in seinen kühl distanzierten Filmen entwickelt Haneke diesmal eine Menschlichkeit und ein ungewohntes Mitgefühl, während er zugleich zärtlich und brutal, schmerzvoll ehrlich und doch voller Würde auf das Unausweichliche blickt.

(Amour) Frankreich, Österreich, Deutschland 2012, Buch & Regie: Michael Haneke, mit Jean-Louis Trintignant, Emanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell u.a., ab 12, 126 min, Kinostart: 20. September 2012 bei X Verleih

Fotos: © X Verleih

Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.



Mehr Infos zu "Liebe"

Die deutsche Webseite zu "Liebe"
"Liebe" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Liebe" auf filmz.de




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