Die Filme des Michael Haneke

Universale Gültigkeiten eines Moralisten

20.9.2012 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Für Komödien sei er vollkommen unbegabt, behauptet Michael Haneke immer wieder. Das Genre sei zu schwierig für ihn. Vor Jahrzehnten habe er am Theater mal eine Komödie inszeniert und die sei sein größter Flop gewesen. Haneke hat sich auf etwas anderes spezialisiert: Die "Vergletscherung der Gefühle", wie er den inneren Zustand seiner Filmfiguren selbst bezeichnet. Seit 25 Jahren untersucht der mittlerweile 70-jährige Regisseur in seinen Spielfilmen akribisch, wie sich der zivilisierte Mensch immer weiter von der eigenen Spezies entfernt. Seine Filmsprache ist einzigartig – kühl und spröde, radikal und absolut konsequent sind alle seine insgesamt elf Kinofilme; sie entwickeln einen Sog, intellektuell und emotional, dem man sich nur schwerlich entziehen kann.

Mit Passion für die Cadrage

Haneke kommt aus einer Theaterfamilie: Seine Mutter ist die Wiener Burgtheater-Schauspielerin Beatrix Degenschild, sein Vater der deutsche Regisseur und Schauspieler Fritz Haneke. Sein eigener Versuch Schauspieler zu werden, scheiterte bereits bei der Aufnahmeprüfung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Anstatt sein Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft abzuschließen, ging er Ende der 1960er-Jahre zum Fernsehen, erst als Dramaturg, später auch als Regisseur und Autor. Haneke kennt die visuellen Medien, denen er als Künstler so kritisch gegenübersteht, aus dem Effeff.

Hanekes Gesamtwerk vermittelt den Eindruck, dass sich die Menschheit bereits inmitten der Apokalypse befindet. In seiner künstlerischen Umsetzung ist der Untergang ausgedehnt, subtil und qualvoll. Hanekes Geschichten spitzen sich zu, münden aber in keiner Katharsis. Seine Figuren sind zumeist kultivierte, bürgerliche Menschen – keine Außenseiter, zumindest nicht an der Oberfläche. In ihrem Inneren sind sie an Pervertiertheit aber kaum zu überbieten – allen voran "Die Klavierspielerin" (2001) Erika Kohut und Peter und Paul aus "Funny Games" (1997 und 2007). Die Filme "Der siebente Kontinent" (1989), "Benny's Video" (1992) und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994), die Haneke als Trilogie zusammengefasst hat, gipfeln im Mord an einer oder mehreren Personen oder der Selbsttötung einer ganzen Familie. Die Protagonisten entstammen allesamt der Mitte der Gesellschaft. In "Wolfszeit" (2003) hat Haneke ganz explizit ein Weltuntergangsszenario entworfen, in dem sich nur der Rücksichtsloseste durchsetzen kann. In dem Stalking-Drama "Caché" (2005) dagegen schleicht sich das Grauen unterschwellig in eine Pariser Intellektuellen-Familie ein.

Michael Haneke – ein Voyeur?

Hanekes Blick auf die Menschheit ist sehr streng, er erscheint schon fast misanthropisch. Dabei urteilt der Regisseur nicht über seine Figuren, er beobachtet sie, schonungslos und ohne Mitgefühl. Das Publikum will Haneke erklärtermaßen durch Irritation zum Nachdenken bewegen, er macht Filme wider die Gleichgültigkeit und die Zerstreuung. Auch die Wirkungsweise von Film und Fernsehen, insbesondere die Mechanismen von Gewaltdarstellung durchschaubar zu machen, liegt ihm sehr am Herzen. Dass Haneke gutsituierte Menschen zum Ausgangspunkt seiner Geschichten macht, begründet er damit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, wenn es den Protagonisten zumindest äußerlich an nichts mangelt. So durchdringt er die dunklen Bereiche ihrer Seele, taucht ab zu abgrundtiefer Schuld, Angst, Hass und Gewalt. Hanekes Filme sind nichts für zartbesaitete Zuschauer/innen.

Der stete moralische Zeigefinger

Dennoch birgt Hanekes Erzählhaltung viel Hoffnung, dass die Menschheit zur Einsicht kommen, dass er mit seinen Filmen womöglich etwas bewirken kann. Immer wieder wird ihm vorgeworfen, er sei belehrend, ein Vorwurf, den er selbst zurückweist. Beim "Funny Games"-Remake aus dem Jahr 2007 für ein breites internationales Publikum war die Moralkeule aber nicht zu übersehen. Was zehn Jahre zuvor noch die Sehgewohnheiten revolutionierte und ein filmisches Aha-Erlebnis war, wirkte im neuen Jahrtausend nur noch unangenehm bevormundend.

Und jetzt: "Liebe"

Dieser Film scheint mit den vorausgegangenen Themen zu brechen: Liebe kam in Haneke-Filmen bisher kaum vor. Hier steht die große Liebe, die bis ins hohe Alter gehalten hat, im Mittelpunkt: George verteidigt seine kranke und immer weiter verfallende Frau Anne gegen jegliche Form unwürdiger Behandlung, wie sie heute in den modernen Gesellschaften gegenüber Menschen an ihrem Lebensende üblich ist. Diesen Kampf führen der Regisseur und seine Hauptfigur bedingungslos und ohne Sentimentalität – trotz der neuen, zärtlicheren Töne ist auch dieser Film ein typischer Haneke.

Lieben oder hassen

Unbestreitbar ist Michael Haneke gegenwärtig einer der bedeutendsten Regisseure, ein klassischer Autorenfilmer, der seine Drehbücher alle selber schreibt oder adaptiert. Kein anderer Regisseur vor ihm wurde so schnell hintereinander mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele in Cannes ausgezeichnet: 2009 für "Das weiße Band", dieses Jahr für "Liebe". Haben seine Filme in den 1990er-Jahren noch den Nerv der Zeit getroffen, bereichern sie in den letzten Jahren das Kino zunehmend mit Geschichten von universeller Tragweite.

Stefanie Zobl ist freie Journalistin u.a. für die Deutsche Welle.

Fotos: © Denis Manin / X Verleih




Mehr über den Regisseur Michael Haneke und seine Filme auf den Seiten der Internet Movie Database




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