Berg Fidel - Eine Schule für alle

Miteinander leben und lernen

Kinostart: 13.9.2012 | Kirsten Taylor | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Drei Astronauten kämpfen in einem abstürzenden Spaceshuttle um ihr Leben – zumindest in der Erzählung, die David geschrieben hat. Der Grundschüler denkt sich gerne Geschichten aus, er spielt Trompete und liebt Mathe. Später will er Astronom werden: "Ich habe jetzt schon Fragen, die man nicht so leicht beantworten kann, zum Beispiel, wo hat das Weltall sein Ende?" Sein Mitschüler Lucas interessiert sich dagegen für Autos. Die rundliche Anita, deren Familie aus dem Kosovo geflüchtet ist, träumt von einer Modelkarriere und Davids kleinem Bruder Jakob scheint einfach alles Spaß zu machen. Er steckt mit seiner Lebensfreude alle anderen an.

Vier Kinder mit ganz eigenen Begabungen und Interessen, die in einer Regelschule aber wohl kaum eine Chance hätten. Denn Jakob hat das Down-Syndrom. David ist seh- und hörbehindert, Lucas hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche und Anita fällt das Lernen schwer. Zu ihrem Glück besuchen sie die "Berg Fidel"-Grundschule in Münster, wo kein Kind während der vierjährigen Schulzeit auf eine Sonderschule überwiesen wird. Das Zauberwort heißt "Inklusion". Vereinfacht gesagt, geht es um gemeinsames Leben und Lernen unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Alle gehören dazu, egal ob sie einer besonderen Förderung bedürfen oder nicht.

Hella Wenders hat für ihre Dokumentation "Berg Fidel - Eine Schule für alle" die Kinder drei Jahre lang mit der Kamera begleitet, hat sie von ihren Wünschen und Problemen, von ihrem Alltag in der Schule und zu Hause erzählen lassen. Sie sind Experten in eigener Sache. Die Filmemacherin ist dabei stille Beobachterin, sie wertet nicht, auf Kommentare verzichtet sie ganz und gar. Ein paar Hintergrundinfos zum Thema hätten allerdings nicht geschadet. Denn wer sich nicht mit dem Thema Inklusion und dazugehörigen pädagogischen Konzepten auskennt, bleibt bei diesem Film ein wenig außen vor oder verliert schlimmstenfalls das Interesse. Lässt man sich – trotz einiger Längen – jedoch auf den Film ein, kann man sich selbst ein Bild von den Kindern und dem offenbar funktionierenden Unterricht in dieser Modellschule machen und ins Grübeln kommen, darüber, welche Chancen Kindern wie David oder Lucas von unserer Gesellschaft eigentlich geboten werden.

"Berg Fidel - Eine Schule für alle" ist eine Plädoyer für integrative Gemeinschaftsschulen mit einem ernüchternden Ausblick in die Realität: Nach vier Grundschuljahren werden die Kinder ins "normale" Schulsystem eingegliedert. Während etwa Lucas der Übergang auf eine Realschule gelingt, muss Anita nach der 4. Klasse auf eine Sonderschule für Lernbehinderte wechseln. "Inklusive Bildung", so schreibt es die UN-Behindertenkonvention 3/2009 fest, "ist ein Menschenrecht." In Deutschland liegt, laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, der Anteil der inklusiv unterrichteten Kinder im Durchschnitt erst bei 18,4 Prozent. Da muss noch viel getan werden.
Kirsten Taylor

Berg Fidel - Eine Schule für alle (Dokumentarfilm), Deutschland 2011, Buch & Regie: Hella Wenders, mit David Leonhard, Jakob Leonhard, Anita Jasharaj, Lucas Niehues u.a., o.A., 88 min, Kinostart: 13. September 2012 bei W-Film

Foto: © W-Film



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