Parada

Gay Pride in Belgrad

Kinostart: 13.9.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wo es um den Balkan und insbesondere um Serbien geht, sind die Klischees schnell bei der Hand: eine Machokultur schießwütiger Fanatiker, stolz und uneinsichtig, nationalistisch bis ins Mark. Was man hier von Schwulen hält, ließ sich 2001 beobachten: Auf der ersten Belgrader Gay Pride Parade wurde ein winziges Häufchen schwul-lesbischer Demonstrierender von einem gewalttätigen Mob aus Neonazis, ultraorthodoxen Ikonenschwenkern und sonstigen Vaterlandsverteidigern brutal zusammengeschlagen. Die Bilder gingen um die Welt, Srdjan Dragojević hat sie nun auch an den Anfang seines Films gesetzt. Manchmal ist die Realität grausamer als jedes Klischee.

Ein anderes Klischee hält die Serben für unsagbar lustig, und tatsächlich ist "Parada" eine Komödie. Die durchgeknallte Drehbuchidee: Um die nächste Parade unbeschadet zu überstehen, paktiert das schwul-lesbische Aktionsbündnis mit dem Feind. Eine Gruppe halbkrimineller Kriegsveteranen, ein Mitglied homophober als das andere, wird als Security angestellt. Die Wölfe beschützen die Lämmer.

Von Wölfen und Lämmern

Dass hier keine Seite ganz freiwillig agiert, versteht sich von selbst. Der Ultraserbe Micky Limun (Nikola Kojo), im zweiten Leben Judotrainer und Chef einer Security-Firma, muss von seiner Freundin und künftigen Braut regelrecht gezwungen werden. Sie will eine moderne Hochzeit, wie sie ihr nur der schwule Innenausstatter Mirko (Goran Jevtic) bieten kann, und nicht so einen "primitiven Mist" mit Pauken und Trompeten, wie es dem traditionsbewussten Limun vorschwebt. Eingefädelt wird der seltsame Handel von Mirkos Lebenspartner Radmilo (Miloš Samolov), ein unpolitischer Tierarzt mit einer Heidenangst vor Limun und Limuns Pitbull einerseits, einer pragmatischer Grundhaltung andererseits. Das Filmplakat der "Glorreichen Sieben", das bei dem Pärchen überm Bett hängt, hat ihn auf die Idee gebracht: Sie brauchen einen Schutz wie die armen Dorfleute im Film.

Die heiteren Komplikationen kann sich jeder ausmalen: "An der Front war mein Arsch sicherer", wird Limun schimpfen, und dass er schon Huren und Politiker beschützt habe, warum also nicht ein paar "Schwuchteln". "Flamingos" und "Ballerinas" nennt er sie auch, das ist eben der berühmte regionaltypische Humor. Und in der Tat fungiert der stiernackige Macho (neue Selbstbezeichnung: "Mister Micky, König der gewaltfreien Kommunikation") hier als Identifikationsfigur für ein Publikum, das auch mit der Darstellung Homosexueller als wehrloser Weicheier mit Köpfchen wenig Probleme hat. Nicht einmal ein schwuler Kuss wird ihm zugemutet. Aber Regisseur Srdjan Dragojević ist ein Meister seines Fachs. Mit "Dörfer in Flammen" drehte er 1995 den bis heute besten Film zum Bosnienkrieg, als dieser noch andauerte. Und der ausgebildete Psychotherapeut, Jahrgang 1963, kennt seine Landsleute. Gern erzählt er die Anekdote aus seiner wilden Belgrader Punkjugend, als er mit seinen Kumpels und auch einigen Schwulen regelmäßig verprügelt wurde – man lungerte im selben Stadtpark. Schon zu sozialistischen Zeiten, also vor 1990, war die serbische Hauptstadt kein gemütliches Pflaster.

Vor diesem Hintergrund ist der Humor von "Parada" ein kluger Drahtseilakt. Betrachtet man das frivole Spektakel genauer, überzeugt Dragojević nicht nur durch satirischen Witz, sondern auch durch Beobachtungsgabe. In der bunten queeren Truppe finden sich der schüchterne Mittfünfziger, der sich erst vor kurzem geoutet hat, ebenso wie die alte Kommunistenlesbe, die es gewohnt war, politische Gegner einfach einzusperren, statt vor ihnen wegzulaufen. Vor allem Radmilo und der sensible Mirko, der doch eigentlich Theaterstücke inszenieren will anstelle von Hochzeiten und schon einen Ausreiseantrag nach Kanada gestellt hat, da er sich in seinem eigenen Land "nicht frei und stolz bewegen kann", sind in jeder Hinsicht komplexe Charaktere.

Schwulenfilm für Homophobe

Wie viel der Film mit dem heutigen Serbien zu tun hat, zeigt sich auch auf der Gegenseite. Die beiläufige Szene etwa, in der Limuns Security-Dienst im Auftrag der Politik ein Roma-Lager "räumt", hätte ein weniger verantwortungsbewusster – und mutiger – Regisseur wohl weggelassen. Tatsächlich ist selbst die haarsträubende Grundidee nicht ganz aus dieser Welt: Dass gestrandete Kriegsveteranen zum Beispiel einer Schwulendisko als Security dienen, kann in der lebendigen und prinzipiell weltoffenen Belgrader Szene durchaus vorkommen.

Diesen Realitätssinn – und allgemein sein hohes Anfangsniveau – kann der Film nicht ganz halten, dafür versteigt er sich zu einer schönen Fantasie: Weil Limuns Leute mit Schwulen nichts zu tun haben wollen, tingelt er gemeinsam mit Radmilo durch sämtliche ex-jugoslawische Republiken, um alte Kriegsbekanntschaften aufzufrischen – stilecht im rosa Mini-Cooper. Ein Kroate, ein Bosnier und sogar ein Albaner ("Was ist eine sexuelle Minderheit? Die Serben!") sind mit von der Partie. Diese utopische Allianz ehemaliger Kriegsgegner ist nun wirklich unrealistisch, in ihr zeigt sich aber auch etwas anderes: der zumindest in der Jugend weit verbreitete Wille, den unseligen Nationalismus endlich hinter sich zu lassen und eine bessere Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Der große Erfolg von "Parada" in ganz Ex-Jugoslawien wirkt da wie ein guter Start. Guter Humor ist ohnehin international: Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Dragojevićs schrilles Abenteuer den Publikumspreis. Dabei sind die Rezeptionsmechanismen sicher grundverschieden, betont der 49-Jährige doch immer wieder, in bester psychotherapeutischer Absicht einen "Schwulenfilm für Homophobe" gemacht zu haben. Letzteres wäre nichts weiter als die Regel und kaum bemerkenswert, hätte er dabei die tragische Dimension der Angelegenheit aus dem Auge verloren. Stattdessen bleibt sein – politisch geradezu überkorrekter – Film jederzeit unmissverständlich auf der Seite der Drangsalierten und Diskriminierten, beschönigt nichts und zeigt auch die Gewalt so hässlich, wie sie nun einmal ist. So endet zwar alles voraussehbar mit der ersten "erfolgreichen" Gay Pride Parade im Jahr 2010, die von 6000 Polizisten geschützt wurde. Doch die halbe Innenstadt wurde verwüstet und die Demo war nur darum ein Erfolg, sagt Dragojević, "weil alle Teilnehmer am Leben blieben". Auch das ist serbischer Humor: Er ist ziemlich unsentimental, aber er nennt die Dinge beim Namen.

Parada, Serbien, Kroatien, Mazedonien, Slowenien 2011, Buch & Regie: Srdjan Dragojevic, mit Nikola Kojo, Miloš Samolov, Hristina Popovic, Goran Jevtic, Goran Navojec u.a., ab 12, 115 min, Kinostart: 13. September 2012 bei Neue Visionen

Fotos: © Neue Visionen Filmverleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Parada"

"Parada" - die offizielle Filmwebseite (serbisch, englisch)
Die deutsche Webseite zu "Parada"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Parada" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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