Revision

Spurensache

Kinostart: 13.9.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Grün und saftig steht der Mais auf dem Feld, die Erntemaschinen surren. Eine ländliche Idylle nahe der deutsch-polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern. Vor zwanzig Jahren, am 28. Juni 1992, wurde dieses Feld zum Tatort. Ein Landwirt findet zwei leblose Körper, die als die rumänischen Staatsbürger und Asylbewerber Grigore Velcu und Eudache Calderar identifiziert werden. Sie wurden durch ein und dieselbe Gewehrkugel getötet. Als Täter sind zwei Jäger verdächtig, die behaupten, die Männer mit Wildschweinen verwechselt zu haben. Erst vier Jahre später beginnt der Prozess, der mit einem Freispruch für die Jäger endet. Man könne nicht mehr eindeutig ermitteln, wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, ist die Begründung. Die Familien der Toten in Rumänien wissen indessen noch nicht einmal, dass es überhaupt ein Gerichtsverfahren gibt. Davon erfahren sie erst 19 Jahre später von Dokumentarfilmer Philip Scheffner, der auf Spurensuche nach Rumänien gereist ist und den Fall nun einer filmischen "Revision" unterzieht.

Akribisch genau versucht er die Geschehnisse von damals zu rekonstruieren, analysiert die Vor- und Nachgeschichte des Ereignisses. Wie in einem echten Kriminalfilm befragt er die Familien, Freunde und Experten. Seine Methode ist dabei so irritierend wie wirkungsvoll. Die Gesprächspartner hören sich vor der Kamera ihre Ausführungen erneut an und können währenddessen Details hinzufügen oder das Gesagte präzisieren. Scheffner fördert Stück für Stück immer mehr Ungereimtheiten und Versäumnisse im Fall der beiden getöteten Rumänen zutage und bohrt unnachgiebig nach der Wahrheit. So stellt er als Erster minutiös die Lichtverhältnisse zum Tatzeitpunkt nach und entlarvt damit sowohl die schlampig geführten Ermittlungen als auch die Aussagen der Jäger.

"Revision" ist aber nicht bloße Rekonstruktion einer Straftat. Geschickt spannt Scheffner den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart und erzählt von Schuld, Fremdenhass und Verdrängung. Ihm gelingt so ein bedrückendes Zeitdokument über das Deutschland der Nachwendezeit und den Umgang mit Einwanderern in die EU, das auch in der Gegenwart politische Brisanz hat. Denn diese zwei Männer sind nur zwei von insgesamt 14.687 Menschen, die zwischen 1988 und 2009 an der EU-Grenze ums Leben kamen.
Ingrid Beerbaum

Revision (Dokumentarfilm), Deutschland 2012, Regie: Philip Scheffner, Buch: Merle Kröger, Philip Scheffner, OmU, ab 12, 106 min, Kinostart: 13. September 2012 bei Real Fiction

Foto: © Real Fiction



Mehr Infos zu "Revision"

"Revision" - die offizielle Filmwebseite (deutsch, englisch)
"Revision" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Revision" auf filmz.de
FilmTipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)