Revision: Ein Dokumentarfilm als Krimi

"Die Recherche ist das, was den Film vorantreibt."

7.9.2012 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im Morgengrauen des 29. Juni 1992 werden auf einem Weizenfeld nahe der polnischen Grenze zwei Männer erschossen, Grigore Velcu und Eudache Calderar. Ein Jagdunfall? Das zumindest behaupteten zwei der drei Jäger, die das Vorkommnis ihrer Haftpflichtversicherung melden. Sie hielten die beiden Männer für Wildschweine. 19 Jahre später machen sich die Filmemacher Philip Scheffner und Merle Kröger auf und die Familien erfahren so erstmals davon, dass es ein Gerichtsverfahren gab und die Angeklagten freigesprochen wurden.

Silke Kettelhake: Die Ausgangslage war ein juristisch gescheitertes Verfahren …

Philip Scheffner: … das nicht noch einmal aufgelegt wird. Alle Fakten, die wir erzählen, sind so gut wie bekannt. Wir wollten weniger den Moment der Aussage forcieren als den der Erinnerung und der Reflektion über die Ereignisse. Doch der Moment der Recherche wurde zum wichtigsten Moment: So entstand der Film, es entstanden neue Bilder.

Warum nun zwanzig Jahre später ein Film, der Revision betreibt? Was kann ein Film bewirken?

Weil sich ein anderer Umgang, eine andere Perspektive auf den Fall eröffnet. Jenseits des juristisch abgeschlossenen, gescheiterten Verfahrens wollen wir mit dem Film eine andere Form von öffentlichem Raum, politischer Diskussion herstellen. Jedes Mal, wenn der Film gezeigt wird, wenn der Name des Vaters, des Mannes fällt, wenn Grigore Velcu und Eudache Calderar genannt werden, werden sie in einem neuen Licht gezeigt. Wir sind immer noch sehr viel mit den betroffenen Familien in Kontakt. Sie sind froh, dass der Film gemacht wurde, und es bleibt schmerzhaft für sie, den Film öffentlich zu zeigen.

Wie im guten Krimi liegt schließlich ein Puzzleteil am anderen.

Beide, Merle und ich, sind große Krimifans, Merle Kröger schreibt Krimis. Mit "Grenzfall" unternimmt sie die fiktionale Aufarbeitung mit diesem konkreten dokumentarischen Fall als Ausgangspunkt, einem klassischen Krimiplot. 1996, vier Jahre nach der Tat, haben wir davon erfahren, als der Gerichtsprozess begann. Fasziniert hat uns nicht in erster Linie das persönliche oder auch politische Schicksal, das muss ich zugeben, was uns zunächst fasziniert hat, war dieses Bild von einem Feld, von den zwei Menschen, die dort liegen, dem Feuer. Und das Wissen um die zwei Namen, Grigore Velcu und Eudache Calderar.

Vom Gesprächsraum in den Kinosaal

Die Filmsprache ist anfangs gewöhnungsbedürftig, die Interviewten hören nochmals ihre Aussagen, wir haben Muße, das Gesicht zu studieren, und können zusehen, wie die Person über das Gesagte reflektiert. Ein neues Spannungsfeld, ein neuer Raum entsteht.

Live dabei sein, wie jemand Schmerz empfindet, das war und ist nicht unser Anliegen. Viele Erinnerungen waren sehr schmerzhaft. Maria Calderar begann zu weinen, wir schnitten um auf die Situation zehn Minuten später. Sie ist dadurch in einer geschützteren Situation, ihr Schmerz wird nicht ausgestellt. Wir erzählen, was vorher passiert ist, wir erzählen, was nachher passiert ist. Wir versuchen den Moment zu erzählen, damals auf dem Feld. Doch der eigentliche Moment wird nicht greifbar: Die Jäger reden nicht, Grigore Velcu und Eudache Calderar sind tot.

Massengrab Mittelmeer

War dieser "Jagdunfall" typisch für die Wendezeit?

Dadurch, dass die Außengrenze durch die EU nach Osten verlagert wurde, sind die Toten im Menschenstrom innerhalb Deutschlands nicht mehr so sichtbar. Aber wer ein wenig aufmerksam die Medien verfolgt, sieht überall Menschen sterben, an der Grenze zu Griechenland. Auf politischer Ebene ist es keinen Deut besser geworden.

Diese Schüsse auf dem Feld fanden anderthalb Monate vor Rostock-Lichtenhagen statt. Alle Flüchtlinge, die damals auf dem Feld waren, wurden dort untergebracht. Die Behandlung des Falls durch die Presse war für diese Zeit symptomatisch, es hieß, ein Jagdunfall. Zu dieser Zeit entstand das Vokabular einer extrem hohen Ausländerfeindlichkeit und einer extrem hohen Gewaltbereitschaft gegen jede Form von Nichtdeutschen oder auch Deutschen ohne rechte Gesinnung.

Wie verliefen die Dreharbeiten vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern, in Nadrensee?

Überraschend, die Tat besaß für alle dort eine große Bedeutung. Jede Stelle, die wir angerufen haben, auch die Staatsanwaltschaft, jeder konnte sich an diesen Fall sofort erinnern. Viele waren auf der Ermittlerseite mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Sie haben ermittelt, vielleicht in die falsche Richtung, vielleicht schlampig. Alle hatten das Gefühl, da ist ganz viel schiefgelaufen. Dadurch konnten sich sehr viele an den Tod von Grigore Velcu und Eudache Calderar erinnern. In Nadrensee herrschte eine große Bereitschaft mit uns zu reden. Manche waren von dem Ereignis noch so emotional belastet, dass sie darüber nicht sprechen wollten. Das waren einige derer, die damals die Leichen auf dem Feld gesehen haben. Das Mysterium um den Brand, der nie richtig geklärt werden konnte, verdeutlichte sich nochmals.

Wir fragten eine Landrätin, jenseits der Interviews, wie sie die heutigen ländlichen Strukturen verglichen mit denen von 1992 sieht. Sie sah uns eindringlich an und sagte: "Es ist viel, viel schlimmer geworden. Damals waren sie noch Hooligans, heute sind die Rechten mittlerweile sehr gut integriert in die Dorfstrukturen, in die Freiwillige Feuerwehr, in die Jugendeinrichtungen, sie spielen eine ganz andere Rolle und haben ein ganz anderes Auftreten."

Der Filmemacher Philip Scheffner kann bis heute nicht verstehen, warum niemand sich in der Pflicht sah, die Familien zu informieren. Sie hätten Anspruch auf Entschädigung gehabt. Der ist mittlerweile verjährt.

Das Interview führte Silke Kettelhake, fluter.de-Redakteurin.

Fotos: © Svenja L. Harten, pong-berlin.de

 



Die Website zum Film "Revision"

Der Flüchtlingsrat in Berlin bietet grundlegende Informationen für Asylsuchende und Unterstützende.

Maria Böhmer ist die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration der Bundesregierung.





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