Steve Jobs: The Lost Interview

Hippie oder Nerd?

Kinostart: 6.9.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Apple-Mitgründer Steve Jobs (1955-2011) hat sich in den letzten Jahren seines Lebens nur noch selten öffentlich geäußert; nicht zuletzt deswegen wurden seine Auftritte auf Jahresversammlungen wie kleine Gottesdienste gefeiert. Jobs besaß ein Charisma wie kaum ein zweiter Unternehmer. Auch er sprach von Produkten, die das Leben der Menschen verändern sollten, aber selbst der vehementeste Apple-Kritker konnte nicht leugnen, dass in Jobs flammenden Reden eine gesellschaftliche Vision zum Ausdruck kam, die Apple später durch ein zunehmend rigideres Rechtemanagement den Aktionärsinteressen opferte. Die mediengerechte Inszenierung von Produktpräsentationen und die Fixierung auf ihren Heilsbringer erinnerten eher an eine Sekte als an den wertvollsten US-amerikanischen Konzern aller Zeiten.

Weil sich Jobs zu Lebzeiten stets sehr bedeckt gehalten hat, war es folglich eine Sensation, als im vergangenen Jahr ein verschollen geglaubtes VHS-Band mit einem Jobs-Interview aus dem Jahr 1995 entdeckt wurde. Es existiert kaum Bildmaterial aus den zehn Jahren vor seinem Wiedereinstieg bei Apple. Das Interview ist damals für die Fernsehreihe "Triumph of the Nerds" aufgezeichnet, aber nur in Auszügen verwertet worden. Einige von Jobs Aussagen sorgten später für Kontroversen, unter anderem seine Kritik an den minderwertigen Produkten des Konkurrenten Microsoft und das Picasso-Bonmot, dass gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen würden. Dass das 65-minütige Interview von Robert Cringely nun unter dem Titel "Steve Jobs: The Lost Interview" ungekürzt in die Kinos kommt, ist in erster Linie also der Person Jobs geschuldet. Die Bildqualität ist naturgemäß schlecht, das Material hätte sich eher als Bonus-Feature für eine DVD angeboten.

Nichtsdestotrotz ist es faszinierend, Jobs zuzuhören. Sein Enthusiasmus und seine Überzeugungskraft sind ungebrochen. In voller Länge gibt das Interview auch eine Ahnung von dem Menschen Steve Jobs, der in seinen letzten Lebensjahren mehr und mehr hinter dem Internet-Guru verschwand, zum Beispiel Jobs Selbsteinschätzung von sich als Hippie – und nicht als Nerd. Alle seine Mitarbeiter wären Hippies im Geiste, erzählt er, er habe immer den künstlerisch-kreativen Ansatz dem geschäftsorientierten vorgezogen. Wenn man ihn reden hört, kann man verstehen, wie MacBook und iPhone zu Lifestyle-Accessoires werden konnten. Jobs gewährt nebenbei einen schönen Einblick in die Mentalität des Silicon Valley Mitte der 1990er, wenige Jahre vor dem Platzen der ersten Internet-Blase. Der Film ist nicht mehr als ein Zeitdokument, aber er zeigt auch, was von hehren Idealen übrig bleiben kann. Zwei Jahre nach dem Interview kehrte Jobs zu Apple zurück und führte das Betriebssystem OSX ein, das den Personal-Computer-Bereich revolutionieren sollte. Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Andreas Busche

Steve Jobs: The Lost Interview (Dokumentation), USA 2011, Regie: Paul Sen, Buch: Robert X Cringely, mit Steve Jobs, Robert X. Cringely, OmU, 67 min, Kinostart: 6. September 2012 bei NFP

Foto: © John Gau Productions & Oregon Public Broadcasting



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