The Cabin in the Woods

Das Experiment

Kinostart: 6.9.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Man kann sich ein Genre wie eine Maschine vorstellen, eine Erzählmaschine. Genres funktionieren nach festen Regeln. Ob nun beispielsweise Western, Horror oder Melodram – sie basieren auf Gesetzmäßigkeiten, Typisierungen und vorgegebenen Abläufen. Gemeinsam verfassen sie eine Art Code. Das klingt auf dem Papier zunächst todlangweilig, doch Genres beziehen ihren Reiz aus genau dieser Berechenbarkeit, dem Wissen um ein bestehendes Regelwerk. Ein gelungener Genrefilm hebt sich vom Gros anderer Genreproduktionen durch eine originelle oder überraschende Abwandlung dieser Regeln ab. So wird einerseits der Genre-Fan bedient, während ein ungewöhnlicher neuer Ansatz das Genre auch für Nicht-Eingeweihte öffnet. Er verleiht dem filmischen Sujet einen ganz neuen Subtext, sei es historisch, gesellschaftlich oder bloß innerhalb der Genrekonventionen: durch einen geschickten Umgang mit vertrauten Erzählmustern.

Der Drehbuchautor, Produzent und Regisseur Joss Whedon gehört in Hollywood seit knapp zehn Jahren – neben J. J. Abrams ("Super 8") – zu den besonders gefragten Genre-Experten. Wenn irgendwo eine Formel ausgelutscht ist, sind Whedons Talente gefragt. Zuletzt schickt er das Superhelden-Über-Franchise "Marvel's The Avengers", leider mit mittelprächtigem Erfolg, in eine neue Umlaufbahn.

Ein Filmgenre unter der Lupe

Etwas erfolgreicher hat er sich nun als ausführender Produzent und Co-Autor der Horrorkomödie "The Cabin in the Woods" betätigt – wobei schon der Begriff "Komödie" in die Irre führt. Denn vordergründig komisch ist das Regiedebüt von Drew Goddard, der zuvor mit J.J. Abrams an "Lost", der Agentenserie "Alias" und dem Monsterfilm "Cloverfield" gearbeitet hat, nur bedingt. Es nimmt sein Genre bloß nicht allzu ernst. "The Cabin in the Woods" ist sozusagen selbst eine kleine Maschine, die Einblicke in die Mechanismen des Horrorfilms gewährt. 1996 gelang Horror-Altmeister Wes Craven mit "Scream" ein ähnliches Kunststück. Damals deklinierte "Scream" das Regelwerk des Slasherfilms noch einmal durch - das Genre, das Craven maßgeblich mitgeprägt hatte – und sezierte so genüsslich die Klischees und Stereotypen.

"The Cabin in the Woods" kümmert sich nun mit derselben Hingabe um die Hinterwäldler-Horrorklischees von "Texas Chainsaw Massacre" (1974) bis "Jeepers Creepers", in denen natürlich immer irgendeine abgelegene Hütte vorkommt, in die sich eine Gruppe ahnungsloser junger Menschen verirrt. "The Cabin in the Woods" beackert damit ähnliches Terrain wie kürzlich "Tucker & Dale vs. Evil", nur erweitern Whedon und Goddard die genre-immanente Redneck/Hillbilly-Paranoia (die sich hier ebenfalls als Witz entpuppt) um ein weiteres, überaus zeitgemäßes Konzept: ein hübsches, kleines Überwachungsszenario. Tief unter der Oberfläche des Waldes, wo sich besagte Hütte befindet, wurde nämlich ein geheimes Forschungslabor eingerichtet. "The Cabin in the Woods" erweist sich somit als cleverer Versuchsaufbau.

Horror als Versuchsanordnung

Zunächst lässt jedoch nichts darauf schließen, dass sich "The Cabin in the Woods" von vergleichbaren Hinterwäldler-Horrorfilmen unterscheiden würde. Fünf Collegestudenten planen ein gemeinsames Wochenende in einer Waldhütte. Jeder von ihnen stellt einen Genre-Archetypen dar: die sexuell aktive Blondine (gefärbt), der Athlet, der Musterschüler, der Kiffer/Paranoiker und die Jungfrau. Dass Jungfrauen im Horrorfilm meist den Zweck erfüllen, Göttern oder Kannibalen geopfert zu werden, darauf kommt der Film erst sehr viel später. Vorher verbringen die fünf einen Abend mit Gesellschaftsspielen (Wahrheit oder Pflicht), bevor sie in den Keller der Hütte hinabsteigen, wo sie neben allerhand verstaubtem Krempel auch ein Buch mit lateinischen Beschwörungsformeln finden, die die Tore zur Hölle öffnen. Und schon bald erhebt sich eine Redneck-Zombie-Familie aus ihrem Grab. Soweit also alles wie gehabt.

Die Ausflügler stehen allerdings unter Beobachtung eines Teams von Wissenschaftlern, die grölend Wetten auf die Todesart der Kids abschließen. Im unterirdischen Forschungslabor ist die Erzählmaschine des Genres am Arbeiten. Whedon und Goddard verhehlen gar nicht erst, dass hier die Mechanismen des Horrorfilms unter die Lupe genommen werden. Regisseur und Drehbuchautor haben gewissermaßen selbst die Finger auf den Knöpfchen, mit denen das Verhalten ihrer Akteure beeinflusst wird. Die Archetypologie des Horrorfilms mag ein Klischee sein, stellt sich im Film aber schon bald als wissenschaftliches Experiment heraus. Wie reagieren bestimmte Charaktertypen im Ausnahmezustand einer Zombie-Belagerung? Der Horrorfilm stellt mit einem lakonischen Achselzucken also seine eigenen Regeln auf den Prüfstand. Derweil sind auf Monitoren im unterirdischen Labor ähnliche Tests aus anderen Ländern zu sehen, etwa auch dramatische Szenen aus einem Klassenzimmer in Japan.

Als Laborratte im Kino

Da in "The Cabin in the Wood" also jedes Horror-Klischee auf einen größeren Masterplan hindeutet (und damit selbst zum Zitat wird), können Whedon und Goddard es wagen, selbst extrem abgegriffene Standards auszupacken: der lateinische Hexenspruch oder das Pärchen, das beim Sex im Wald von einer Meute Verrückter abgeschlachtet wird. Man hat es schon Dutzende Male gesehen, da aber der Film selbst eine mysteriöse Maschine darstellt, bleibt das Massaker an den Kids nicht mehr als eine aufwändige Inszenierung: ein geheimes Opferritual, das mit modernster Technik kontrolliert wird. So knallen unten die Sektkorken, während oben – oder vielmehr auf den Monitoren im Hintergrund – ein blutiger Zweikampf tobt. Die Party kann steigen. Und das ist in einem klassischen Horrorfilm-Sinne ganz wörtlich zu verstehen.

Die unterirdische Station dient nämlich nicht nur Forschungszwecken, sondern fungiert darüber hinaus als Sammellager für alle nur erdenklichen Alptraumwesen und Monster, das gesammelte Horrorpersonal des menschlichen Unterbewusstseins – und damit des Horrorfilms. Die Killer mit den Hockeymasken, die Hellraiser und Kettensägenschwinger, alle sind sie versammelt. Dass Whedon und Goddard damit auch andeuten, dass der Horrorfilm an sich eine Verschwörung höherer Mächte darstellt, der Horrorfan also selbst nur Laborratte in einem Meta-Experiment ist, ist da noch als harmloser Scherz am Rande zu verstehen. Der letzte Lacher des Films jedenfalls geht mit einer abenteuerlichen finalen Wendung auf Kosten der Menschheit. Erneut mit einem Achselzucken. "The Cabin in the Wood" ist konsequent bis zum bitterbösen Ende, inklusive der Entzauberung eines ganzen Genres. Der Schrecken hat seinen Schrecken verloren.

The Cabin in the Woods, USA 2010, Regie: Drew Goddard, Buch: Joss Whedon, Drew Goddard, mit Chris Hemsworth, Kristen Connolly, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams, Richard Jenkins u.a., ab 16, 95 min, Kinostart: 6. September 2012 bei Universum

Fotos: © Universum

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



Mehr Infos zu "The Cabin in the Woods"

"The Cabin in the Woods" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
Die deutsche Webseite zu "The Cabin in the Woods"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "The Cabin in the Woods" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)