Was bleibt

Lügen und Geheimnisse

Kinostart: 6.9.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Klassikersituation: das Heimfahrwochenende. Jungschriftsteller Marko Heidtmann, der in Berlin lebt, fährt übers Wochenende zu seinen Eltern, die irgendwo in der Republik an irgendeinem Stadtrand in einer gediegenen Eigenheimsiedlung leben. Marko hat seinen kleinen Sohn dabei, nicht zuletzt, weil er seinen Eltern noch nicht erzählt hat, dass er von dessen Mutter mittlerweile getrennt lebt. Unterwegs im Zug trifft er Ella, die Freundin seines Bruders Jakob, der in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Eltern und mit deren Geld eine Zahnarztpraxis unterhält. Dass diese Praxis schlecht läuft, auch davon wissen die Eltern nichts. Noch nicht, denn – und auch das ist klassisch an der Situation – im Verlauf des Wochenendes bricht allerlei Unausgesprochenes und sorgfältig Verdrängtes herauf und heraus. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen und die Verhältnisse sortieren sich neu. "Was bleibt" ist – nach "Requiem" (2006) und "Sturm" (2009) – die dritte Zusammenarbeit des Regisseurs Hans-Christian Schmid mit dem Drehbuchautor Bernd Lange und erneut eine gründliche Tiefenerkundung eines komplexen Geflechtes von Beziehungen, Abhängigkeiten, Machtverhältnissen.

Eigentlich wollten die Heidtmanns feiern: Patriarch Günter hat seinen Verlag aufgegeben und will nun gemeinsam mit Frau Gitte goldene Ruhestandsjahre verbringen. Dann aber platzt Gitte mit der Neuigkeit heraus, sie habe die Medikamente abgesetzt, mit denen sie seit nunmehr 30 Jahren ihre "Krankheit" mehr schlecht als recht im Zaum halte. Gittes "Krankheit" bleibt diffus. Einiges deutet darauf hin, dass sie manisch-depressiv ist, ebenso viel darauf, dass sie unter der existenziellen Traurigkeit einer zwar wohlversorgten Haussfrau und Mutter, dafür aber unterforderten Frau leidet. Gittes eigenmächtiger und ganz offensichtlich überfälliger (Selbst-)Befreiungsschlag wirft in der Folge die Pläne der übrigen Familienmitglieder über den Haufen. Konfrontiert mit den möglichen Konsequenzen einer Veränderung des Status Quo wird die Bequemlichkeit, ja: Faulheit offenbar, mit der alle sich längst mit eben diesem arrangiert haben. Als Gitte dämmert, dass keiner ihren Versuch der Gesundung ernst nimmt, geschweige denn sie als Gesunde will oder gar braucht, und als Marko ihr, so mitfühlend wie blauäugig, entgegenzukommen versucht, kommt es zu einer bildungsbürgerlich kontrollierten Implosion.

Angesichts des hier statthabenden Familiendramas im geschmackvoll eingerichteten Ambiente des bis aufs i-Tüpfelchen stimmigen Vorort-Villen-Idylls mag man versucht sein, von Luxusproblemen reicher Leute zu sprechen. Doch "Was bleibt" ist weniger ein Film, der sich an einem konkreten, einzigartigen Ereignis abarbeitet, als vielmehr einer, der eine bestimmte gesellschaftliche Textur – bestehend aus einem weitreichenden Problem und einer unzureichenden Lösung – untersucht. Zudem ist der Stoff derart beeindruckend gut gespielt, dass sich mühelos die generelle Befindlichkeit einer bestimmten Generation und bestimmten Schicht zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt ableiten lässt. Lars Eidinger als Marko, Corinna Harfouch als Gitte, Sebastian Zimmler als Jakob und Ernst Stötzner als Günter arbeiten in die ohnedies komplexe emotionale Struktur Nuancen und Feinheiten ein, die jede Sekunde, jedes Schweigen und jeden Blick mit tieferer und über sich selbst hinaus ins Allgemeine und Soziale verweisender Bedeutung versehen.

Als Familiendrama steht "Was bleibt" in der ehrwürdigen Tradition des bürgerlichen Trauerspiels, das wiederum an die antike Tragödie anknüpft. Eine Abstammungslinie, die hohe Erwartungen weckt und die nicht enttäuscht werden.
Alexandra Seitz

Was bleibt, Deutschland 2012, Regie: Hans-Christian Schmid, Buch: Bernd Lange, mit Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Ernst Stötzner, Sebastian Zimmler, Picco von Groote u.a., ab 12, 85 min, Kinostart: 6. September 2012 bei Pandora Film

Foto: © Gerald von Foris, 23/5 Filmproduktion GmbH



Mehr Infos zu "Was bleibt"

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