Der Alltag des Herrn Wichmann

Ein Landtagspolitiker zwischen Schreiadler und Algenrettung

31.8.2012 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als Andreas Dresen für sein berührendes Sterbedrama "Halt auf freier Strecke" drehte, fand er dennoch den Raum, um sich mit den täglichen Widrigkeiten und Erfolgen des Lokalpolitikers Henryk Wichmann in der Uckermark auseinanderzusetzen. Henryk Wichmann stand 2002 auf verlorenem Posten. Der Brandenburger Jungpolitiker versuchte, gegen einen übermächtigen Wahlkreis-Konkurrenten in den Bundestag einzuziehen. Filmemacher Andreas Dresen hatte ihn damals dabei begleitet und die realsatirische, präzise beobachtete Doku "Herr Wichmann von der CDU" daraus gemacht. Zehn Jahre später sitzt Wichmann immerhin im Brandenburger Landtag und hat mit Dresen erneut einen Film gedreht. Zwischen Bürgerbesuchen, Rentnerfesten und Plenarsitzungen zeigt "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" nun, wie der Arbeitsalltag eines Landespolitikers aussieht – und welche Rolle der Schreiadler dabei spielen kann.

Sascha Rettig: Wie nah kommt der Film Ihnen als Berufspolitiker und Ihrem Landespolitiker-Alltag? 

Henryk Wichmann: Der Film zeigt schon sehr gut, wie mühsam es ist, an den einzelnen Themen als Abgeordneter zu arbeiten und mit wie vielen Betroffenen und Beteiligten Gespräche geführt werden müssen, bevor man eine Lösung hat, die in der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Der Film zeigt, wie langsam und mühsam Demokratie ist – und das in einer Zeit, die unglaublich schnelllebig geworden ist durch Internet, Smartphone, Ipad, Facebook, Twitter und wie das alles heißt. Herr Müntefering hat dazu vor kurzer Zeit einen interessanten Beitrag im Cicero geliefert. Er wünscht, dass sich die, die in der Politik tätig sind, trotz dieser Schnelllebigkeit die Zeit nehmen, über Dinge nachzudenken und in ihren Bereichen langfristig und permanent zu arbeiten – und nicht immer nur auf irgendwelche Themen aufzuspringen, die gerade auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen sind.

Was geben diese Schlagzeilen nicht wieder?

Wir bekommen alle unwahrscheinlich viele Themen auf den Tisch in den Bürgersprechstunden, den Wahlkreisen und den Fachausschüssen im Parlament. Das alles steht sehr wenig im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Politik wird heutzutage über Schlagzeilen und Spitzenpolitiker wahrgenommen, aber der einzelne Abgeordnete in der dritten, der zweiten oder der ersten Reihe macht trotzdem einen unglaublich anstrengenden, aufwändigen Job für unser Land und das verdeutlicht der Film ganz gut, wie hart ein Politikeralltag ist.

Sehen Sie den Film etwa als Korrektur der Wahrnehmung, dass Politik in Zeiten von Euro-Rettung und Wirtschaftskrise immer abstrakter und unverständlicher wirkt?

Wichtig ist, dass die Menschen einen besseren Eindruck von unserer Arbeit bekommen. Das gelingt durch unsere Medien, die sehr auf Schnelligkeit und auf kurze, prägnante Schlagzeilen aus sind, nur sehr schwer. Die Sachverhalte, die wir auf dem Tisch haben, sind eben nicht kurz, prägnant und knackig. Sie sind kompliziert und komplex. Das passt nicht mehr zueinander. Dadurch entsteht ein Missverhältnis zwischen dem Bürger auf der einen und dem Politiker auf der anderen Seite. Da gibt es immer wieder diese Klischees, dass wir nur selten im Plenum sitzen und viel Geld bekommen. Was alles zwischendurch zu tun ist, wovon abends nichts in der Tagesschau zu sehen ist, können sich viele wahrscheinlich nicht vorstellen.

In Zeiten präzise durchgeplanter Politiker-Auftritte bilden Sie damit eine Ausnahme …

Gerade deshalb ist es wichtig, dass gezeigt wird, wie Politiker wirklich sind. In Ehrlichkeit und in Wahrheit. Ich denke, dass man im Leben mit Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit viel weiter kommt als mit irgendwelchen künstlichen Fassaden, die sowieso irgendwann einstürzen. Ich glaube einfach, dass wir genug haben von diesen gesteuerten Politiker-Porträts, wo der Pressesprecher vorher noch dreimal draufguckt. Es ist gerade der Reiz des Projektes, dass mal etwas Ungeschminktes zu sehen ist.

Aber stört Sie das gar nicht, dass durch die gnadenlos genauen Beobachtungen in den Filmen auch manchmal über Sie und Ihre Arbeit gelacht wird?

Das hat ja gerade den Reiz dieses Films ausgemacht, dass es kein bierernster Politdokumentarfilm geworden ist, den eigentlich niemand sehen will. Die Leute müssen im Kino ja auch sieben oder acht Euro dafür bezahlen und wollen ein bisschen unterhalten werden. Ich habe kein Problem damit, wenn über mich gelacht wird. Ich lache auch sehr gern über mich und die Situationen und die Komik, die da manchmal entstehen. So ist das Leben.

Wie haben Sie sich seit dem Wahlkampf von "Herr Wichmann von der CDU" verändert? Damals kandidierten Sie für den Bundestag. 

Ich glaube schon, dass ich in meiner Arbeit noch pragmatischer geworden bin und dass es mir mehr noch um die Menschen und die Probleme in der Region geht als vordergründige Parteipolitik, die man aber natürlich immer auch mit berücksichtigen muss.

Wie motivieren Sie sich für Themen, wie sie im Film angesprochen werden – etwa, dass der Schreiadler nicht durch die Asphaltierung eines Fahrradweges gestört werden darf?

So etwas spornt mich unheimlich an. Das sehe ich sportlich. Ich will zeigen, dass es geht, alle an einen Tisch zu holen und eine Lösung zu bekommen, mit der alle irgendwie leben können.

Zieht es Sie denn so gar nicht mehr in die große Politik?

Nein, im Moment überhaupt nicht, weil ich im Kleinen viel eher sichtbare Ergebnisse erziele und Erfolge habe, als wenn ich bloß einer von 600 Bundestagsabgeordneten wäre, der seine Hand heben darf zur Euro-Rettung, die eh niemand versteht. Da wirke ich lieber hier in meiner Region. Wenn mich ein Polizeibeamter zum Kaffee einlädt, weil er auch ohne Tauschpartner für seine Stelle in Niedersachsen wieder zurück nach Brandenburg kommen durfte, um das Haus seiner Großeltern zu übernehmen, dann ist das viel schöner, als bei der Euro-Rettung dabei gewesen zu sein.

Man sieht im Film, dass Sie eine Wahnsinnsgeduld haben, wenn Sie Menschen aus Ihren Wahlkreisen treffen, die zwar viel meckern, aber selber kaum Engagement zeigen. Verzweifeln Sie manchmal?

Nein, der Bürger steht vor einem unglaublichen Behördenapparat und bürokratischem Wust, wo ich als Jurist und Abgeordneter schon manchmal dran verzweifle. Ich hatte am Montag bei mir in der Sprechstunde in Gransee eine Landwirtin aus meinem Wahlkreis, die seit drei Jahren mit ihrem Ortsbürgermeister und der Brandschutzbehörde darum kämpft, dass der alte Feuerlöschteich saniert wird. Dann kam aber eine Naturschutzbehörde und eine Naturparkleitung und sagte: "Ja, da müssen wir aber erst mal eine Umweltverträglichkeitsprüfung und eine Artenzählung vornehmen." Davon hat die Landwirtin vorher noch nie etwas gehört. Bei der Artenzählung stellte sich heraus, dass in dem Teich eine seltene Algen-Art heimisch ist, die auf der roten Liste steht. Das Ende vom Lied war: Aus dem Löschteich wurde ein Feuchtbiotop und an eine Sanierung oder eine Wasserentnahme im Brandfall ist überhaupt nicht zu denken, weil die Algen wichtiger sind als alles andere. Da können Bürger schon fast verzweifeln. Was sollen sie denn unternehmen, außer sich an Ihren Abgeordneten zu wenden und zu fragen: "Was macht denn ihr da eigentlich den ganzen Tag? Ist das noch normal oder sind wir auf dem Weg in eine völlige Bürokratie, die niemand mehr versteht?"

Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.

alle Fotos/Filmstills: "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" | © Andreas Dresen; © Peter Hartwig; © Piffl Medien







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