Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand

Die Gier der Manager

Kinostart: 30.8.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Blühende Landschaften" versprach Helmut Kohl den ostdeutschen Bürgern nach der Wiedervereinigung. Die Herausforderung der damals regierenden schwarz-gelben Koalition bestand darin, die größtenteils als marode geltenden DDR-Betriebe in die Marktwirtschaft zu überführen – oder notfalls stillzulegen. Die zu diesem Zweck 1990 gegründete Treuhandanstalt wurde mit der Aufgabe betraut, den Übergang von der Volks- in die Privatwirtschaft zu organisieren. Als die Treuhand 1994 ihre Tätigkeit einstellte und in kleinere Gesellschaftsformen zerschlagen worden war, galt das "Projekt Treuhand" trotz teils massiver Proteste aus der Bevölkerung als Erfolg. Tatsächlich ging die Anstalt mit einem Verlust von über 250 Milliarden DM aus dem Umbau der DDR hervor, obwohl der Wert der DDR-Wirtschaft zur Zeit der Wende auf 600 bis 800 Milliarden DM beziffert worden war. In den Folgejahren kamen unzählige Korruptions- und Subventionsmissbrauchsfälle ans Licht. Die Dokumentation "Goldrausch – Geschichte der Treuhand" nimmt noch einmal die Machenschaften der Treuhand unter die Lupe und schildert in Interviews mit Beteiligten, wie rücksichtslos die Abwicklung der DDR vollzogen wurde.

"Goldrausch" ist nicht die erste Dokumentation zu diesem Thema, aber sie beschreibt sehr anschaulich, welche Mentalität damals in der Politik vorherrschte. Dass sich die Treuhand vor allem als Nachlassverwalter eines toten Staates verstand, ist heute allgemein bekannt. Es ging zunächst darum, die annähernd 15.000 DDR-Firmen um jeden Preis von der "Todesliste" zu streichen. Hieran arbeitete die Treuhandanstalt unabhängig und ohne politisches Kontrollgremium. In der westdeutschen Wirtschaft herrschte zur gleichen Zeit Goldgräberstimmung. Ein Beteiligter beschreibt im Film, wie West-Investoren damals in Heerscharen in Halle einfielen, um heruntergekommene Traditionsbetriebe und Immobilien aufzukaufen, meist weit unter Wert. Die Treuhand freute sich über jeden Interessenten. Wer die Käufer waren, interessierte niemanden, solange man wieder einen Posten von der Liste streichen konnte. Genauso wenig war die Treuhand daran interessiert, einen strukturierten Aufbau der DDR-Wirtschaft voranzutreiben. "Mit der Gier der Manager zu kalkulieren", heißt es im Film, "war effizienter." Marktwirtschaft in Reinkultur. Goldrausch im Wilden Osten.

Die Treuhand ist historisch und politisch sicher ein spezieller Fall, doch lassen sich an diesem Beispiel sehr schön die Auswüchse eines ungezügelten Kapitalismus und der Verflechtungen von Politik und Wirtschaft aufzeigen. Die Treuhandanstalt diente der Kohl-Regierung nicht zuletzt als politisches Druckmittel, um sich die DDR einzuverleiben, wie der milliardenschwere Skandal um die Leuna-Werke und den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine später zeigte. Ein sehr nachdenklich stimmender Satz kommt im Film von einem ehemaligen Treuhand-Angestellten, einem Westler (die Mehrheit der Treuhandangestellten kam aus dem Westen). Er sagt, die Marktwirtschaft habe bei der Abwicklung der DDR ungeprüft den Vorzug vor anderen möglichen Wirtschaftmodellen erhalten. Er sei sich jedoch nicht mehr sicher, ob die Marktwirtschaft diesen Vertrauensvorschuss überhaupt verdient.
Andreas Busche

Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, ohne Regieangabe, mit Klaus Klamroth, Detlef Scheunert, Gerd Gebhardt, Matthias Artzt, Klaus-Peter Wild, Werner Schulz, Reinhard Höppner u.a., o.A., 94 min, Kinostart: 30. August 2012 bei Real Fiction

Foto: © Andreas Schloesel



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