Holy Motors

Ich bin viele

Kinostart: 30.8.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Auftritt ist kurz, aber furios. Monsieur Merde, ein destruktiver Wicht mit einem trüben Auge, ekelhaften Fingernägeln und Spitzbart, rennt barfuß wie irre über die Grabsteine des Pariser Friedhofs Père Lachaise, frisst die Blumen an, die er zu greifen bekommt, und schubst Friedhofsbesucher beiseite. Nur wenige Augenblicke später schnappt sich dieser Godzilla-Troll im grünen Anzug das Model eines dort stattfindenden Fotoshootings (Eva Mendes), entführt es in den Pariser Untergrund und reißt aus dessen Kleid eine Burka zurecht, während er selbst nackt und mit einer harten Dauererektion Dollarscheine in sich hineinfrisst. Diese Episode aus Leos Carax' verrücktem Wunderwerk "Holy Motors" ist nicht die erste Kinobegegnung mit dem von Denis Lavant verkörperten Monsieur Merde.

Ein Mann mit vielen Identitäten

Das französische Regie-Enfant-Terrible hat dieses ungeheuerliche Ungeheuer bereits vor vier Jahren für sein Segment des Episodenfilms "Tokyo!" erfunden und ließ es damals grunzend und gurgelnd eine Spur der Verwüstung durch die japanische Metropole ziehen. Aus einem eigenen Langfilm unter dem verheißungsvollen Titel "Merde in USA" wurde danach allerdings nichts – so wie auch aus anderen Projekten, die Carax auf die Beine stellen wollte, seit sein Drama "Pola X" 1999 von der Kritik harsch versenkt wurde. Nach dreizehn Jahre langer Abwesenheit von der Leinwand erfolgt nun mit "Holy Motors" die Rückkehr – mit ähnlichem Maß an Wahnsinn und Obsessivität, mit der Denis Lavant hier nicht nur Monsieur Merde verkörpert.

Der französische Schauspieler, der mit Ausnahme von "Pola X" in allen Carax-Filmen dabei war, setzt die kongeniale Zusammenarbeit mit dem Regisseur gleich in einer Vielzahl von Rollen fort. Anfangs sieht man Lavant als Monsieur Oscar, der morgens von seiner Chauffeurin Céline (Edith Scob) mit einer Stretch-Limousine abgeholt wird. Ein Investment-Banker, könnte man zunächst glauben. Doch nachdem er den Wagen bestiegen hat, entpuppt er sich als so etwas wie ein Schauspieler. Die Limousine ist eine Garderobe, in der er sich immer wieder verwandelt. Und die Bühne für seine Auftritte ist Paris. Oscar gibt ein altes Mütterchen, das bucklig durch die Stadt irrt. Er ist ein Vater, der seine Tochter von einer Party abholt und mit ihr ein kurzes, schmerzhaftes Gespräch führt. Mal ist er ein sterbender Mann. Dann wieder ein Mörder, der sein Opfer in sich selbst verwandelt. Und zwischendurch stürmt er ganz unvermittelt am Akkordeon mit anderen Musikern durch ein vor Energie sprudelndes Musikintermezzo.

Beim mysteriösen Traumprolog, der von der Wand eines dunklen Hotelzimmers direkt in einen alten Kinosaal führt, könnte man noch denken, dass David Lynch seine Kinokünstlerinspiration wiedergefunden und nach langer Abstinenz einen Film gedreht hat. Doch so wie Lavant hier viele Personen ist, ist "Holy Motors" auch viele Filme. Mit einer Bildgewalt und Experimentierfreude, wie man sie von Carax bereits aus den bisherigen Werken wie "Die Liebenden von Pont-Neuf" (1991) kennt, schlägt der Film munter Haken durch verschiedene Genres. Er ist Liebesmelodram. Seltsame Krimigeschichte. So etwas wie Science-Fiction mit Motion-Capture-Verfahren und tänzerisch herumwirbelnden Leuchtpunkten. Und, wenn all die Limousinen, die offenbar durch Paris fahren, zum Schluss nachts in einer "Holy Motors"-Lagerhalle abgestellt werden und ein Eigenleben entwickeln, transformiert der Film noch kurz zu so etwas wie einer Realverfilmung von Pixars "Cars".

Lavant dominiert dabei zwar jede Szene allein mit seinem physisch intensiven Spiel und seiner (Ver-)wandlungsfähigkeit. Doch wann hat man zuletzt allein solch eine halsbrecherische Besetzung erlebt wie hier? Popblondie Kylie Minogue singt ein trauriges Chanson, bevor sie sich vom Dach eines Hotels stürzt. Kino-Altstar Michel Piccoli sinniert als kurze Erscheinung in der Limousine über das Ende und die Vergänglichkeit. Hollywood-Schönheit Eva Mendes war mutig genug, sich auf die Merde-Episode einzulassen.

Über das Kino und das Leben

Worum es aber ganz genau geht? Das lässt sich nicht sagen. Auf eindeutige Bedeutungen lässt sich "Holy Motors" nicht herunterbrechen. Carax selbst gibt sich wortkarg und erklärt nichts. Sein Film bleibt so rätselhaft wie die Entscheidung der Jury in Cannes, diese umherschweifende Fantasie im diesjährigen Wettbewerb völlig leer ausgehen zu lassen. Über all die eingestreuten Referenzen und Ebenen hinweg eröffnet "Holy Motors" vielmehr Assoziationsfreiräume, durch die man sich mit eigenen Gedanken und Ideen einen Weg suchen muss. Er wird dabei zum Film-im-Film-Rollenspiel und zur Reflexion über Identität. Über das Kino an sich. Und wahrscheinlich auch über die menschliche Existenz und das ganz, ganz große Ganze.

"Was ist, wenn niemand mehr zuschaut?", fragt der müde und melancholische Monsieur Oscar in einer Szene. Ja, was dann? Zumindest würde jeder, der Carax' bizarren Trip nicht sieht, eine Herausforderung verpassen, wie es sie im Kino mit diesem Wahnwitz, diesem sehr speziellen Humor und dieser wilden Unberechenbarkeit nur noch selten zu sehen gibt.

Holy Motors, Frankreich, Deutschland 2012, Buch & Regie: Leos Carax, mit Denis Lavant, Edith Scob, Kylie Minogue, Eva Mendes, Elise Lhomeau, Michel Piccoli, Jeanne Disson u.a., ab 16, 115 min, Kinostart: 30. August 2012 bei Arsenal

Foto: © Arsenal Filmverleih

Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.



Mehr Infos zu "Holy Motors"

Die deutsche Webseite zu "Holy Motors"
"Holy Motors" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Holy Motors" auf filmz.de




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