The Exchange

Das Leben ohne mich

Kinostart: 30.8.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Plötzlich gerät etwas aus den Fugen. Eine Veränderung macht sich bemerkbar – eine Unruhe, ein Unbehagen, ein Anderssein – und verlangt Beschäftigung, Auseinandersetzung, Konfrontation. Dabei ist Odet, dem in Eran Kolirins "The Exchange" von einer Minute zur anderen das eigene Leben fremd wird, wahrlich kein Tatmensch. Sondern ein junger Physiker, der dank eines Stipendiums an seiner Dissertation arbeitet und an der Uni unterrichtet. Doch vermutlich ist er gerade deswegen so empfänglich für die Überlegung, dass auch ein gänzlich anderes Leben möglich sein könnte. Denn eines Tages – da kommt er unvorhergesehen bereits am Nachmittag nach Hause, weil er etwas vergessen hat. Odet hat die Routine seines Arbeitstages durchbrochen und bricht in die Routine des Tages seiner Frau Tami ein, die daheim arbeitet. Tami hält einen Mittagsschlaf und bemerkt die kurze Anwesenheit ihres Mannes gar nicht. Odet steht mit einem Mal in Tamis Alltag, in dem er keine Rolle spielt, und diese Erfahrung löst etwas Fundamentales in ihm aus. Die Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken, mit der er sich auf das ihn umgebende soziale Gewebe verlassen hat – jenes Gewebe, das gebildet wird aus Menschen, zu denen er mehr oder weniger enge Beziehungen unterhält, und Menschen, deren alltägliche Routinen seine eigenen alltäglichen Routinen kreuzen und damit wiederum bestätigen. Dass es die Welt auch ohne ihn gibt, dass die Menschen, die er kennt, ein selbstständiges Leben unabhängig von seinem eigenen führen, diese so banale wie umwälzende Erkenntnis lässt Odet keine Ruhe mehr. Er durchbricht seine Routinen, versucht Ungewohntes, experimentiert, lässt sich befremden. Dann lernt er einen seltsamen Nachbarn kennen, dem es ähnlich wie ihm zu ergehen scheint, und sie fordern sich gegenseitig zu noch gewagterem Treiben heraus. Und Tami hat allmählich genug vom zunehmend erratischen Verhalten ihres sonst so zuverlässig gleichmütigen Mannes.

"The Exchange" hätte das Zeug zum Horrorfilm gehabt, zu einem psychologischen Thriller, der in Abgründe blickt, im Unheimlichen stochert, in Schwärzen stürzt und ganz allgemein von der seltsamen Konstruiertheit des menschlichen Miteinanders erzählt. Doch leider hat Kolirin – der 2007 mit "Die Band von nebenan" einen feinsinnig humoristischen Film über eine ägyptische Blaskapelle gedreht hat, die sich in ein israelisches Kaff verirrt – stattdessen einen über die Maßen langweiligen Kunstfilm gedreht. Dabei verfährt der Regisseur, der hier ein eigenes Drehbuch verfilmt, strikt nach Schema F der Kunstfilm-Stilistik: überlange Einstellungen, in denen nichts passiert, bedeutungsschwangeres Schweigen, oftmals ergänzt von bedeutungsschwangerem Schauen, gekünstelte Dialoge, in denen nichts zum Ausdruck gebracht, unmotivierte, sinnfreie Handlungen, die von den Akteuren leidenschaftslos ausgeführt werden. Das vermag einen nicht nur nicht zu fesseln, das interessiert einen bald schon nicht mehr die Bohne. Ein wenig so wie ein fremdes, sehr weit weg gelebtes Leben.
Alexandra Seitz

(Hahithalfut) Israel, Deutschland 2011, Buch & Regie: Eran Kolirin, mit Rotem Keinam, Sharon Tal, Dov Navon, Shirili Deshe, Zvika Fishzon, Michael Kfir u.a., OmU, ab 12, 94 min, Kinostart: 30. August 2012 bei Pandora

Foto: © Pandora



Mehr Infos zu "The Exchange"

"The Exchange" - Filminfos vom deutschen Verleih
"The Exchange" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "The Exchange" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)