Das Ding am Deich

Eine Geschichte aus Deutschland

Kinostart: 23.8.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Chalk River (1952), Sellafield (1957), Kyschtym (1957), Lucens (1969), Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986), Fukushima (2011) – diese Koordinaten schwerer atomarer Unfälle werden möglicherweise nicht die letzten sein. Doch obwohl jeder um die Gefahren der Atomenergie weiß, setzen Politik und Wirtschaft weiterhin auf die profitträchtige Wahrscheinlichkeit, dass niemals nichts passiert. Für diejenigen, die jahrelang gegen Atomkraft gekämpft haben, ist das ein Schlag ins Gesicht. Immerhin hat die Bundesregierung als Reaktion auf das Unglück in Fukushima im Sommer 2011 die sofortige Stilllegung von acht Alt-AKWs und den vollständigen Atomausstieg bis 2022 beschlossen. Zehn Jahre noch, in denen viel passieren kann, in denen wir täglich mit einem Restrisiko leben müssen. Manch einer kann dies wegschieben. Aber wie ist es mit all den Menschen, die in direkter Nachbarschaft mit einem Atomkraftwerk leben? Die sich jahrzehntelang dagegen engagiert haben? Ist noch etwas da von der Wut, die sie einst auf die Barrikaden trieben?

Geschichte einer Widerstandsbewegung

Regisseurin Antje Hubert fuhr Anfang 2010 nach Brokdorf, jenem Atommeiler, der 1986, wenige Wochen nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, ans Netz ging. Erste Stippvisiten bei ehemaligen Atomkraftgegnern zeigten schnell, dass dieses Kapitel wie eine nie heilende Wunde weiter schwärt. Und dass es lange dauern würde, bis die längst ergrauten Aktivisten und Aktivistinnen sich daran und damit auch an ihre eigene Geschichte erinnern mochten. Dann ergeben sich doch ergreifende und informative Gespräche in Wohnzimmern und Küchen, in denen jedes Ding akkurat an seinem Platz steht. Kaum hat die Reise durch die letzten 44 Jahre begonnen, werden inmitten des fast schon spießigen Ambientes plötzlich alte Transparente auf ordentlich versäumten Bettlaken entrollt, Flugblätter und die Korrespondenz mit politischen Entscheidungsträgern herausgekramt oder Fotoalben gezückt, die fein säuberlich den Anfang des Protests in Brokdorf dokumentieren.

"Wir waren ja einfache Handwerker und Bauern. Was wussten wir schon von Atomenergie?", erinnert sich der Milchbauer Ali Reimer. Wie viele andere hat auch er sich reingeschafft in die Materie und jede freie Zeit über zehn Jahre lang in die Anti-AKW-Initiative gesteckt. Er war dabei, als um zwei Uhr nachts im Oktober 1976 der Bau des AKWs begann – hinter NATO-Draht und in Gegenwart von Schäferhundstaffeln, Polizeihubschraubern und Wasserwerfern. 100.000 Menschen hatten damals gehofft, mit ihrem Protest dieses AKW zu verhindern – schließlich hatte kurz zuvor das Aus des geplanten AKWs im baden-württembergischen Wyhl Schule gemacht. Nicht so am Elbdeich. Dort sollte – nach einem vorübergehenden Baustopp – das AKW-Gelände zur uneinnehmbaren Festung werden. Das Dorf geriet in Aufruhr, hier die Protestierenden, dort Befürworter. Einige ließen sich mit Blumenpräsenten, einem modernen Schwimmbad und neuen Straßen ködern und attackierten kräftig Andersdenkende. Dann ereignete sich die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Wenige Wochen danach ging Brokdorf 1986 ans Netz.

Die Wut der Gegner blieb und treibt noch heute einigen Tränen in die Augen. Etwa wenn sich die Hotelfachfrau Antje Ahmling daran erinnert, wie unverschämt der Dorfkrämer sie vor anderen Kunden angriff: "Solche wie die gehören an einen Baum aufgeknüpft." Demokratie geht anders, gerade in Deutschland. Doch kaum hatte sich einer wie Ali Reimers zu einem politischen Bürger entwickelt, wurde ihm auch schon der Glaube an den Rechtsstaat brutal genommen, wie er im Film ernüchtert erzählt. Mit Demonstrationsfreiheit hatte es nichts zu tun, wie die Politik auf die Ängste und Bedürfnisse von Bürgerinnen und Bürgern reagierte.

Vom Leben mit dem AKW

Auch wenn "Das Ding am Deich" filmisch nicht immer überzeugt und es eine Zeit dauert, bis man sich auf das bisweilen bedächtige Tempo der vorgestellten Personen eingestellt hat, keimt darin auch eine Stärke der Dokumentation. Denn haben sich die sperrigen nordischen Charaktere erst einmal offenbart, wirken sie und ihr gesunder bodenständiger Menschenverstand umso glaubwürdiger. "Das Ding am Deich" ist ein gutes Stück Zeitgeschichte geworden, das sein Echo in den Reaktionen der Bundesregierung vor und nach dem Reaktorunglück in Fukushima findet.

Ohne reißerische Parolen montiert Antje Hubert die Erinnerungen der Atomgegner mit spannenden Archivaufnahmen von Privatpersonen und diversen Sendeanstalten. Sie führen nicht nur die verharmlosenden Phrasen der Politiker und die Brutalität der Staatsgewalt vor, sondern auch wie "trickreich" der Bau des AKWs in Brokdorf letztlich durchgezogen wurde. Nachfühlbar wird, mit welcher Energie sich viele Menschen trotzdem dagegen stemmten und daran zerbrachen. Fast jeder der Befragten kennt diverse Phasen der Verzweiflung, Resignation und des Trotzes. Immer wieder kommt die Angst hoch und die Empörung über wachsenden Atommüll, für den es noch immer keine Lösung gibt.

Wegziehen vom Deich wollte trotzdem keiner. Also bepflanzten manche eine Gartenecke mit einem dichten Busch, um die Sicht auf das AKW zu verdecken. Andere halten noch immer Mahnwachen vor dessen Werkstor ab und einer, der Meteorologe Karsten Hinrichsen, prozessierte nach 1986 noch 13 Jahre weiter gegen das AKW. Erwartungsgemäß ohne Erfolg. Auch Hinrichsens Wut ist geblieben, nur weiß er mittlerweile nicht mehr, wohin mit ihr. Denn längst ist die Energiewirtschaft ein globales Geschäft, sind deren Betreiber noch schwieriger zu fassen als einst. "Wie oft wollen wir denn noch Glück haben?", fragt er nachdenklich und weiß nur einen Rat: "Wir dürfen nicht müde werden. Wir müssen schneller sein als das Unglück."

Das Ding am Deich (Dokumentarfilm), Deutschland 2012, Buch & Regie: Antje Hubert, mit Ali Reimers, Marlene Reimers, Karsten Hinrichsen, Christine Scheer, Heinrich Voß, Antje Ahmling u.a., ab 6, 96 min, Kinostart: 23. August 2012 bei imFilm

Foto: © thede Filmproduktion

Cristina Moles Kaupp ist freie Autorin in Berlin.



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