360

Ein Netz einsamer Seelen

Kinostart: 16.8.2012 | Tim Slagman | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Am kraftvollsten ist der neue Film von Fernando Meirelles dann, wenn seine Figuren miteinander sprechen. Das mag ein wenig verwunderlich klingen, immerhin hatte der Regisseur 2002 seinen Durchbruch mit "City of God", einer kinetischen, direkten, schockierenden Verarbeitung des Lebens und Sterbens in den Favelas, wo schon Zehnjährige die Sprache der Colts im Zweifelsfall besser beherrschen als die der Menschlichkeit.

Ohne spekulative Bilder, ohne beschwörende Musik zaubert Meirelles dieses Mal nur aus einem Gespräch, aus der Inszenierung eindringlicher oder scheu abgewandter Blicke, aus kleinsten unschuldigen Berührungen, die in den verurteilten Sexualstraftäter Tyler (Ben Foster) einfahren wie Stromstöße, ein bedrohliches Szenario. Dieser Tyler hat zufällig am Flughafen die junge Brasilianerin Laura (Maria Flor) getroffen, sie will heim nach Rio, nachdem sie in London hinter eine Affäre ihres Freundes Rui (Juliano Cazarré) gekommen ist.

Rui ist der Liebhaber von Rose (Rachel Weisz) und auch ihr Mann Michael (Jude Law) hat Geheimnisse. Wie Meirelles diese beiden in ihrem von perfekten Designer-Möbeln eisgekühlten Nobelapartment arrangiert, wie er sie durch Wände und offene Türen trennt, die Verzögerungen und langen Pausen des Gesprächs, die diese Szene aushält – all das lässt ein eindringlicheres Bild vom Zustand dieser Ehe entstehen, als es Bettszenen mit Dritten je zeichnen könnten.

Seinen Episodenfilm über die Flüchtigkeit der Beziehungen, die das Tempo der vernetzten Welt immer flüchtiger macht, ohne dass die menschliche Sehnsucht damit Schritt halten könnte, erzählen Meirelles und Drehbuchautor Peter Morgan ohne strenges dramaturgisches Korsett. Das gemeinsame Schicksalsnetz der Globalisierten hat eben an manchen Stellen dickere Knoten, an anderen laufen die Fäden einsam einem ungewissen Ende zu. Manche Figuren tauchen früh auf, scheinen schnell in Vergessenheit zu geraten und begegnen einem dann doch irgendwann wieder. Das kann man lässig und ungezwungen finden – oder auch ein wenig beliebig. Doch die ruhige, konzentrierte Inszenierung verleiht den zentralen Episoden seiner Geschichte große Intensität.
Tim Slagman

360, Großbritannien, Österreich, Frankreich, Brasilien 2011, Regie: Fernando Meirelles, Buch: Peter Morgan, mit Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Ben Foster, Moritz Bleibtreu, Jamel Debbouze u.a., ab 12, 110 min, Kinostart: 16. August 2012 bei Prokino

Foto: © 2012 PROKINO Filmverleih GmbH



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