Atomic Age

Reise durch die Nacht

Kinostart: 16.8.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Zwei Jungs, unterwegs in einem Pendelzug. Sie trinken Red Bull mit Schnaps. Vor ihnen liegt die Verheißung einer Samstagnacht: Sie wollen nach Paris, wollen in einen Club, wollen Mädchen aufreißen und sich vergnügen – trinken, tanzen, knutschen, sich entgrenzen und aufgehen im Rausch der großen Party. Doch diesem Plan stemmt sich von Anfang an eine tiefe Melancholie entgegen. Sie liegt ebenso in den Bildern der nächtlich erleuchteten Stadt, die draußen vor den Fenstern vorübergleitet, wie in den Gesichtern der beiden Freunde Victor und Rainer, deren Münder über das eine sprechen, während ihre Augen von etwas anderem erzählen.

Mit "Atomic Age", dem ersten Teil einer geplanten Trilogie über "Jugend", legt die französische Filmemacherin Héléna Klotz ein in seiner formalen Ambitioniertheit wie in seiner narrativen Sensibilität beachtliches Spielfilmdebüt vor. Elegisch und sperrig zugleich driften darin Ton, Bild und Empfindung immer wieder auseinander, macht sich in den entstandenen Zwischen- und Freiräumen etwas Grundsätzliches, Essentielles breit. Nichts, was sich mit einem Wort benennen ließe, aber etwas, das jedem gefühlsmäßig bekannt vorkommen wird, der sich an die Verstörungen des Heranwachsens erinnert.

Rainer beobachtet, wie Victor sich von den Mädchen im Club einen Korb nach dem anderen holt, und sieht dabei aus, als würde er die Verletzung des Freundes am eigenen Leib spüren. Als wüsste er um die Vergeblichkeit der Sehnsucht, seiner wie der Victors. Wenig später gerät Victor vor dem Club in eine Auseinandersetzung mit reichen Schnöseln; ein Wortwechsel von hoher Komplexität mündet in eine simple Schlägerei. Nicht nur an dieser Stelle erinnert "Atomic Age" an "Der Teufel möglicherweise", in dem Robert Bresson 1977 die Verzweiflung eines Jugendlichen an der Ziel- und Sinnlosigkeit der eigenen Existenz gestaltet hat. Wie in den Filmen Bressons entsteht auch in der Arbeit von Klotz aus dem Kontrast zwischen minimalistischem Inszenierungsstil und emphatischem Wahrheitsgehalt der Szene ein irritierender Bedeutungsüberschuss. Ein Angebot an die Zuschauer über das, was zu sehen ist, auf andere Weise als gewohnt nachzudenken.

Im Morgengrauen schließlich, in der blauen Stunde, wandern Victor und Rainer durch Geister-erfüllte Ödnis, durch ein Waldstück – und verschwinden dort möglicherweise für immer.
Alexandra Seitz

(L'Âge Atomique) Frankreich 2011, Buch & Regie: Héléna Klotz, mit Dominik Wojcik, Eliott Paquet, Niels Schneider, Luc Chessel, Mathilde Bisson u.a., OmU, ab 12, 67 min, Kinostart: 16. August 2012 bei Pro-Fun

Foto: © PRO-FUN MEDIA



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