Life in Stills

Die Witwe, ihr Enkel und die Fotos

Kinostart: 16.8.2012 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als der Staat Israel geboren wurde, war Rudi Weissenstein dabei. Er hat die Fotos gemacht, als am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. Seitdem haben er und seine Frau Miriam die Geschichte ihres Landes in unzähligen Fotos dokumentiert und in einem legendären Laden in Tel Aviv Abzüge ihrer Fotos verkauft. Nun, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Staatsgründung und fast zwei Jahrzehnte nach Rudis Tod 1992 kämpft Miriam unterstützt von ihrem Enkel Ben darum, dass ihr Laden und das Archiv mit mehr als einer Million Negativen erhalten bleibt.

Für "Life In Stills" hat die Filmemacherin Tamar Tal Miriam und Ben über Jahre begleitet – und viel Glück mit ihren Protagonisten gehabt. Denn die küssen und schlagen sich, streiten und vertragen sich, dass keine Langeweile aufkommen kann. Vor allem Miriam und ihr trockener, bisweilen böser Humor sorgen dafür, dass "Life in Stills" für einen Dokumentarfilm ungemein unterhaltsam ist: Kunden sind für sie prinzipiell "Nervensägen" und als einer dieser lästigen Gesellen sie ausfragt, wie alt sie ist (96 Jahre) und seit wann sie bereits hier im Laden arbeitet (70 Jahre), kontert sie: "Sind Sie vom Finanzamt?"

Ben träumt derweil nachts vom Laden, den er zu retten versucht, erklärt seiner Oma geduldig das Internet, bringt sie vor einer Operation dazu Grimassen zu schneiden und knetet ihr liebevoll das faltige Gesicht. In diesem Gesicht ist nicht nur ein langes, erfülltes, bisweilen auch dramatisches und tragisches Leben abzulesen, sondern, wenn man so will, auch die Vergangenheit und das Leiden des jüdischen Volkes. Dessen jüngere Geschichte erzählt der Film wie nebenbei mit den immer wieder dazwischengeschnittenen Bildern, die die Weissensteins über Jahrzehnte hinweg fotografiert haben: die hoffnungsvollen Immigranten, die Siedler, die das Land aufbauten, Kinder auf den Straßen von Tel Aviv, das Alltagsleben des jungen Staates.

Die berührendste von vielen berührenden Szenen dieses Films lichtet Tamar Tal ab, als Ben und Miriam erfahren, dass sie zwar den Laden verlassen müssen, weil ein neues Gebäude an seiner Stelle entstehen wird, aber sie nach dem Umbau wieder zurückkehren dürfen – zwei, vielleicht drei Jahre später. Ein Moment der Stille tritt ein, dann sehen sich die beiden an und sie wissen – und der Zuschauer weiß es – und es muss nicht einmal ausdrücklich gesagt werden: Dann, in zwei, drei Jahren wird Miriam Weissenstein nicht mehr leben. Sie wird den Laden, ihren Laden für immer verlassen müssen. Eine Szene, wie sie epischer und intensiver kein Spielfilm erzählen könnte.
Thomas Winkler

(Hatzalmania) Dokumentarfilm, Israel 2011, Buch & Regie: Tamar Tal, mit Miriam Weissenstein, Ben Peter Weissenstein u.a., o.A., OmU, 58 min, Kinostart: 16. August 2012 bei Moviemento

Foto: © Moviemneto



Mehr Infos zu "Life in Stills"

"Life in Stills" - die offizielle Filmwebseite (englisch, hebräisch)
Filminfos vom deutschen Verleih
"Life in Stills" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Life in Stills" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de
Website Photo House Pri-or (engl.)





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