We Need to Talk About Kevin

Mein Kind, das Monster

Kinostart: 16.8.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Kevin ist ein schwieriges Kind. Er war nicht eigentlich geplant und wird langwierig und kompliziert geboren. Als Baby schreit er wie am Spieß. Dann wird er unergründlich, mutwillig boshaft gar. Verhält sich destruktiv und verletzend. Einfach so. Eva, Kevins Mutter, schaut ihn an und sieht einen Fremden. Und schon regt sich in ihr das schlechte Gewissen: Sollte sie den Jungen nicht lieben? Sollte nicht er diese Liebe dann erwidern? Was stimmt hier nicht? Liegt es an ihm? An ihr?

Eva, eine weltgewandte Reisejournalistin, hat ihren Beruf und ihr aufregendes Leben für die Kleinfamilie in der Vorstadt aufgegeben. Am Abend kommt der Mann, Franklin, nach Hause und will nichts wissen vom emotional angespannten, schwierigen Verhältnis zwischen seiner Frau und seinem Sohn, die er doch beide liebt. Zumal Kevin ihm gegenüber ein anderes, freundlicheres Gesicht zeigt, gerade so, als wolle er Eva damit verhöhnen.

Nach "Ratcatcher" (1999) und "Morvern Callar" (2002) verfilmt die schottische Regisseurin Lynne Ramsay mit "We Need to Talk About Kevin" den gleichnamigen, 2003 erschienenen Roman der US-Amerikanerin Lionel Shriver. Ramsay adaptiert Shrivers in Briefform verfassten Roman als filmischen Stream-of-Consciousness. Das heißt, sie montiert Evas Gegenwart und ihre Erinnerungen zu einem Fluss visueller Eindrücke, der das Bewusstsein dieser Frau spiegelt, ihr unmittelbar nahe bleibt und keine wohlfeil banalen Erklärungen für das, was geschieht und geschehen ist, liefert.

Denn Kevin, so stellt sich allmählich heraus, ist nicht einfach nur ein schwieriges Kleinkind gewesen. Er ist zu einem pubertierenden Albtraum herangewachsen und hat eine monströse Tat begangen, für die sich kein Grund finden lassen will. Und man sollte als Zuschauer auch nicht dem Trugschluss verfallen, sich Kevins Charakter mit mangelnder Mutterliebe zu erklären. Vielmehr war es das gemeinschaftliche Augenverschließen aller, das die Katastrophe heraufbeschwor. Doch Schuldzuweisungen sind ohnehin eher selten hilfreich, im Kontext von verbrecherischem Kind einerseits und fassungslos ahnungslosen Eltern andererseits aber sind sie es erst recht nicht.

Auch deswegen erweist sich Ramsays Entscheidung, dicht an ihrer Hauptfigur zu bleiben, als glücklich und richtig. Zumal Eva von Tilda Swinton gespielt wird, die über ebenso große Präsenz wie über beeindruckende Präzision im Einsatz ihrer schauspielerischen Mittel verfügt. Den Totalschaden, den der Sohn an seiner Mutter angerichtet hat, vermittelt Swinton in "We Need to Talk About Kevin" eindringlich. Damit trägt sie den Film nicht nur, sie rettet ihn auch über manche dramaturgische Unebenheit hinweg und hält ihn in seinem Innersten zusammen.
Alexandra Seitz

We Need to Talk About Kevin, Großbritannien 2011, Regie: Lynne Ramsay, Buch: Lynne Ramsay, Rory Stewart Kinnear nach dem gleichnamigen Roman von Lionel Shriver, mit Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Jasper Newell, Rock Duer, Ashley Gerasimovich u.a., OmU, ab 16, 110 min, Kinostart: 16. August 2012 bei Fugu

Foto: © Fugu



Mehr Infos zu "We Need to Talk About Kevin"

"We Need to Talk About Kevin" - die offizielle Filmwebseite (englisch)
"We Need to Talk About Kevin" – Filminfos vom deutschen Verleih
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "We Need to Talk About Kevin" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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