Ein Ton Blau

Atelierbesuche

Kinostart: 9.8.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Leben für die Kunst? Klingt klasse, riecht nach Freiheit, Dandytum und Trallala. Nur: Egal, ob man musiziert oder mit Farbe experimentiert – die Suche nach dem eigenen Ausdruck, der stimmigen Form und das unermüdliche Feilen daran ist harte Arbeit. Manch einer kommt da an die eigenen Grenzen. Wie zeitgenössische Kunst entsteht, wie sie rezipiert und vermarktet wird, welchen Stellenwert sie genießt und was daraus wird – die Dokumentation "Ein Ton Blau" führt umtriebig zu Menschen, für die Kunst alles ist. Der Hamburger M. X. Oberg hat drei Jahre lang Künstler, Kuratoren, Galeristen, Sammler, Professoren und Studenten, ja selbst Museumswärter über ihre Haltung zur Materie interviewt. Dabei hält sich Oberg selbst fein heraus. Er montiert lieber geschickt die über drei Jahre gesammelten Aussagen und zeigt altes Filmmaterial – legendäre Performance-Kunst von Yves Klein und Josef Beuys – und neueres von Peter Land und Yuki Taguchi. Dann taucht der Film wieder in die Gegenwart von Ateliers, Kunsthochschulen, Galerien und Museen, um dort das irritierte Publikum zu umkreisen: "Soll das Kunst sein?"

Während es für die 1980er-Jahre-Ikone Walter Dahn, der einst bei Joseph Beuys studierte und nun selbst unterrichtet, bei der Kunst um den Freiheitsraum geht, den jeder braucht, um seine Fähigkeiten zu finden und herauszuarbeiten, hat Michel Würthle, Betreiber der legendären Berliner Paris Bar, mit 24 Jahren sein Kunststudium an den Nagel gehängt. Er wollte keine "20 Jahre Elend" durchhalten, die es seiner Meinung nach dauert, bis sich einer als Künstler etabliert hat. Apropos Berlin: Hier ist die Künstler/innen-Dichte bekanntlich hoch, doch wächst dadurch die Anzahl der Genies? Wer von seiner Kunst leben will, muss sich in der Fachwelt einen Namen machen, muss eine Ochsentour auf sich nehmen: Präsenz in den Galerien und Katalogen, in der Kritik und im globalen Kunstbusiness sowieso. "Wer sich in diesem Betrieb nicht zurechtfindet, der existiert nicht", so der Hamburger Sammler Harald Falckenberg.

Doch es geht auch anders: Mit Insel-Kunst, über die sich Michel Würthle so erfrischend äußert: "Überall sitzt so eine gut aussehende Gurke oder Gurkin und malt sich einen runter und manch einer wird so zum Stolz ihrer Region und hängt in jeder Kreissparkasse. Das sind interessante kommerzielle Welten." Doch was ist Qualität, Karriere? "Ein Ton Blau" will keine Antwort geben, sondern ist ein desillusionierender und gleichzeitig vergnüglicher Streifzug durch die Gegenwartskunst. Letztlich muss sowieso jeder selbst entscheiden: Lebst du oder wirst du gelebt?
Cristina Moles Kaupp

Ein Ton Blau, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, Buch & Regie: Matthias X. Oberg, mit Yves Klein, Harald Falckenberg, Joseph Beuys, Eugen Blume, Walter Dahn u.a., 80 min, Kinostart: 9. August 2012 bei Filmgalerie 451

Foto: © Filmgalerie 451



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