Familientreffen mit Hindernissen

Vive la famille!

Kinostart: 9.8.2012 | Melanie Dorda | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sommer 1979: Die elfjährige Albertine fährt mit ihren Eltern in die Bretagne, um den 67. Geburtstag ihrer Oma zu feiern, wo sich zu diesem Anlass Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen aus dem ganzen Land zusammenfinden. Während die Kinder toben, Zeichentrickfilme gucken oder Barbie mit Ken kopulieren lassen, tauschen die Erwachsenen den neuesten Tratsch aus, reden über Filme und zanken über Politik. Schließlich prallen am reich gedeckten Esstisch die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander – vom erzkonservativen Staubsaugervertreter über eher rechte Algerien-Veterane bis hin zu Albertines Künstler-Eltern, die der politischen Linken nahestehen. Auch der depressive und verwirrte Onkel Hubert wird geweckt und an den Tisch gesetzt. Später versucht er, sich im Schuppen mit dem Gartenschlauch zu erhängen, aber die Kinder vereiteln das Unterfangen und bringen ihn mit einem flauschigen Hühnerküken auf andere Gedanken. Bei einem Ausflug zum Strand verguckt sich Albertine schließlich in den blonden Sohn einer Freundin der Familie. Abends in der Disco legt er "Born to be alive" und Punk auf, und Albertine kann kein Auge von ihm lassen. Als er mit ihr Klammerblues tanzt, ist sie selig. Doch ihr Glück währt nur kurz. Während sich die Familie zofft und wieder zusammenrauft, Herzen erobert und gebrochen werden und Verzweiflung in Pastis ertränkt wird, befürchtet Albertines Mutter, die US-Raumstation Skylab könnte just an diesem Wochenende über der Bretagne abstürzen und sie alle auslöschen.

Die Schauspielerin und Filmemacherin Julie Delpy ("2 Tage in New York") hat diese autobiografische Zeitreise mit sehr gutem Blick für Stimmung, Atmosphäre und Attitüden der Zeit gedreht. Alles wirkt ein bisschen chaotisch und so wenig inszeniert, als wäre man auf einer echten Familienfeier dabei, auf der alle durcheinanderreden und oberflächliche Unterhaltungen von schockierenden Enthüllungen nur einen Lidschlag entfernt sind. Delpy erzählt ohne Sentimentalität und Effekthascherei, das große Drama bleibt aus. Nur am Rande erhascht man kurze Blicke auf Abgründe und Verzweiflung, die schon in der nächsten Szene von Alltäglichkeiten relativiert werden. Julie Delpy hat mit ihrem Film eine schön entspannte Liebeserklärung an das wundervoll-schreckliche Monster Großfamilie geschaffen.
Melanie Dorda

(Le Skylab) Frankreich 2011, Buch & Regie: Julie Delpy, mit Lou Alvarez, Julie Delpy, Eric Elmosnino, Aure Atika, Noémie Lvovsky, Bernadette Lafont u.a., ab 12, 113 min, Kinostart: 9. August 2012 bei NFP

Foto: © Paolo Woods



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