Prometheus - Dunkle Zeichen

Eine Schöpfungsgeschichte

Kinostart: 9.8.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Hier sitz' ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, zu weinen, / Zu genießen und zu freuen sich, / Und Dein nicht zu achten, / Wie ich."

So lautet die letzte Strophe von Johann Wolfgang Goethes Gedicht "Prometheus" (1774). Dabei handelt es sich um eine Hymne, die die nicht wenig unverschämte Generalabrechnung des gleichnamigen rebellischen Titanen und Menschenschöpfers mit dem seinerzeit die himmlischen Gefilde beherrschenden Göttervater Zeus wiedergibt. Der Sage zufolge hat Prometheus – sich damit über Zeus' Gebot hinwegsetzend – den damals noch auf den Bäumen hockenden Menschen das Feuer gebracht, deren Entwicklung daraufhin einen Quantensprung vollzog. Man nennt Prometheus deswegen auch den Kulturstifter. Für seine Unbotmäßigkeit wurde er allerdings aufs schrecklichste bestraft: Zeus kettete ihn an den Kaukasus und täglich fraß ihm ein Adler die ständig nachwachsende Leber aus dem Leib.

Wo ist Gott?

Der Grund dieser Vorrede: Das Raumschiff, das Ridley Scotts lang erwartetem Prequel zu seinem bahnbrechenden Klassiker "Alien" (1979) den Titel gibt, heißt nicht umsonst "Prometheus". Es heißt so, weil in der Prometheus-Sage nicht nur der gesamte hochdramatische und Welten umwälzende Konflikt zwischen Schöpfer und Geschöpfen gestaltet ist, sondern auch die Entstehung der Menschheit. Ein Ursprungsmythos also, der zugleich von einem Ur-Konflikt handelt. Man muss den Prometheus-Stoff nicht in- und auswendig kennen, um Scotts Fabel von den Ursprüngen der Alien-Figur folgen zu können. Das Vergnügen an der motivischen Dichte des Erzählten erhöht es aber allemal.

Denn was treibt die Expedition in die Fernen des Universums an, deren blutigem Scheitern wir in "Prometheus" folgen? Letztlich ist es die Suche nach Gott und/oder dem Ursprung der Menschheit. Auch wenn die beiden Archäologen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green), die diese Expedition im Auftrag der Weyland Corporation leiten, die außerirdischen Wesen, auf die sie zu treffen hoffen, "Ingenieure" nennen. Auf der ganzen Welt haben die beiden Darstellungen aus urzeitlichen und antiken Kulturen gefunden, die eines gemeinsam haben: Auf ihnen ist ein Riese zu sehen, der auf eine bestimmte Sternenkonstellation deutet. Dies führt die gläubige Christin Shaw zu der – man kann schon sagen: gewagten – Annahme, dass diese Riesen einst die Erde besucht, die Menschen geschaffen und eine Einladung zum Gegenbesuch ausgesprochen haben. Also macht man sich im Jahre des Herrn 2093 auf den Weg zum Mond LV-223 im Sonnensystem Zeta2 Reticuli und trifft dort in einem labyrinthischen Pyramidenbau, dessen Zweck sich lange nicht erschließt, auf einen Schöpfer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.

Von Menschen und Androiden

Neben der Besatzung sowie weiteren Wissenschaftlern und Technikern, die in der Folge den "Alien"-Franchise üblichen fürchterlichen (wirklich: fürchterlichen) Körperhorror- und Dezimierungsgräueln anheim fallen werden, findet sich an Bord der Prometheus selbstverständlich auch ein Androide: David, dessen Ohren sich immer dann scharf stellen, wenn von "Seele" die Rede ist oder von anderen, ihn vom Menschen unterscheidenden Eigenschaften. Oder eben von "Ingenieuren", die möglicherweise die Menschen konstruiert haben, was einen Androiden den Menschen wiederum beinahe gleich stellte, herkunftsmäßig gesehen.

Michael Fassbender spielt diesen David mit eleganter Unterkühltheit, macht jedoch zugleich jenes brennende Interesse spürbar, das eine hohe künstliche Intelligenz wie die seine am Unerforschten haben muss. Davids Wissbegierde, die der menschlichen Neugier gleicht und damit dessen Hybris, wird demnach Entscheidendes zur Kulmination der Ereignisse beitragen. Und dann ist da noch die das kapitalistische Ausbeutungsprinzip verkörpernde Stellvertreterin der Corporation, Meredith Vickers; eine Eiskönigin – von Charlize Theron am Siedepunkt kalter Wut gegeben –, die gleichfalls ein Hühnchen mit ihrem Schöpfer zu rupfen hat. Allerdings handelt es sich bei diesem nicht um einen Außerirdischen.

Da sind sie nun, all diese Menschlein mit all ihren Fragen nach dem Woher und dem Wohin und nach dem Sinn des großen Ganzen, gelandet auf LV-223, in einer meisterlich entworfenen, feindlichen Umgebung, und sehen sich alsbald schon konfrontiert mit lebensgefährlichen Schrecknissen.

Auf den Spuren des Space Jockeys

Das Design von "Prometheus", seine visuelle Ebene, ist schlicht eine Wucht. Dabei ist es egal, ob man den Film nun in 3D oder zweidimensional sieht. Von den pixeligen Träumen der in Kälteschlaf versetzten Besatzungsmitglieder über die grobkörnigen Aufzeichnungen vergangener Ereignisse im Pyramidenbau der "Ingenieure" bis hin zum kosmologischen Steuerungssystem der Raumschiffe – die Welt, die hier entworfen wird, ist fundamental anders, fremdartig und außerordentlich reizvoll. Auch und vor allem, wenn in ihr Prozesse in Gang gesetzt werden, die "Entstehung von Leben" zu nennen reichlich schwer fällt. Wie in einer Alchemistenküche lösen sich die Grenzen zwischen dem Organischen und dem Metallischen auf, diffundiert Öliges, zappelt Mineralisches, schlängelt sich Gallertartiges, brodelt die Ursuppe. Und verdichtet sich schließlich zu einer Existenzform, deren Unerbittlichkeit im Verfolgen ihrer Triebe (Fressen! Fortpflanzen!) wiederum an eine Zeile aus einem Goethe-Gedicht gemahnt:

"Herr, die Noth ist groß! / Die ich rief, die Geister, / Werd‘ ich nun nicht los." Das Gedicht heißt "Der Zauberlehrling" (1797) und handelt gleichfalls von einem, der sich übernommen hat.

Was Scott dazu bewogen hat, nach drei Jahrzehnten ins Science-Fiction-Genre und zu seinem Meilenstein zurückzukehren, ist nach eigener Aussage die Figur des sogenannten "Space-Jockey". Jenes riesige versteinerte Wesen also, das der Erkundungstrupp der Nostromo im ersten "Alien"-Film mit aufgeplatzter Brust am Steuer eines zerstörten Raumschiffes vorfindet. Keiner der Fortsetzungsfilme – weder "Aliens" (1986) von James Cameron noch "Alien 3" (1992) von David Fincher oder "Alien: Resurrection" (1997) von Jean-Pierre Jeunet – habe sich, so Scott, mit diesem Piloten beschäftigt. Dabei hätten sich Fragen nach ihm doch geradezu aufdrängen müssen. Wer war er? Wohin war er unterwegs? Was hatte er vor? Und in wessen Auftrag? Darauf gibt "Prometheus" nun immerhin einige Antworten. Die großen Fragen der Menschheit aber, sie warten weiterhin – auf "Prometheus, Teil 2".

(Prometheus) USA 2012, Regie: Ridley Scott, Buch: Jon Spaihts, Damon Lindelof, mit Noomi Rapace, Michael Fassbender, Guy Pearce, Idris Elba, Logan Marshall-Green, Charlize Theron u.a., ab 16, 124 min, Kinostart: 9. August 2012 bei 20th Century Fox

Fotos: © 2012 Twentieth Century Fox

Alexandra Seitz ist Filmkritikerin und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Prometheus - Dunkle Zeichen"

"Prometheus" - die englische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "Prometheus - Dunkle Zeichen"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Prometheus - Dunkle Zeichen" auf filmz.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)