Starregisseur Fernando Meirelles im Interview

Im Reigen um die Welt

6.8.2012 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der kommerziell erfolgreiche Kinovirtuose Fernando Meirelles verwebt in dem Film "360" elegant Beziehungsgeschichten in Wien, Rio, London und Phoenix zu einem komplexen Reigen à la Schnitzler im 21. Jahrhundert.

Susanne Gupta: Was hat Sie am Stoff von “360“ gereizt?

Fernando Meirelles: Es sind viele Charaktere und unterschiedlichste Geschichten, das interessierte mich. Sie versuchen alle gute Menschen zu sein und das Beste aus ihrem Leben zu machen, dann passiert etwas, das sie aus der Balance bringt. Sie müssen eine wichtige Entscheidung treffen. Es gibt keine Antagonisten, sondern nur den Kampf in uns selbst gegen unsere Wünsche und Begierden.

Was wollten Sie zeigen, dass jeder verantwortlich ist für sein Tun?

Der Londoner Geschäftsmann Michael Daly entscheidet sich gegen ein Treffen mit der Escortdame Anna und für die Familie, der algerische Zahnarzt in Paris für die Religion und gegen seine Liebe. Anna aus Bratislava wird Prostituierte. Es gibt keine Moral. Der Film zeigt nur, dass egal, was du entscheidest, dein Leben davon beeinflusst wird und für andere Folgen hat.
Die erste Einstellung: Anna steht vor dem Fotografen, der sie auffordert, ihr T-Shirt ausziehen. Sie zögert, sie hat Angst. Wenn sie es auszieht und zur Prostituierten wird, ändert das alles. Sie könnte es auch lassen und einfach weggehen. Es sind kleine Dinge, die ein Leben komplett verändern können.
Auch der junge Algerier in Paris, Jamel, hat einen Konflikt, bei dem es sich um die alte Diskussion um Eros oder Zivilisation dreht. Der Philosoph Herbert Marcuse sagte, dass wir Instinkte unterdrücken müssen, um Zivilisation zu erreichen. Als Muslim muss er den Glauben aufgeben, wenn er mit einer verheirateten Frau etwas anfängt. Für ihn ist die Religion stärker, denn sie gibt ihm eine Struktur im Leben.

Der Film hat die Form eines Kreises. War das Theaterstück "Der Reigen" von Arthur Schnitzler Vorbild?

Es ist eine Idee des Drehbuchautors Peter Morgan. Eine Person führt uns zum nächsten Paar und die Geschichte beginnt in Wien. Der Reigen war vor hundert Jahren ein Theaterskandal: neun Sex-Szenen auf der Bühne. Heute wäre das nicht mehr so. In "360" ist der Kreis eher kubistisch und ein bisschen zerbrochen. Einige Charaktere kehren zurück in ihn, andere sind kein Teil des Kreises mehr; ich denke, die Story ist komplexer.

Der Film bringt beeindruckende internationale Schauspieler zusammen.

Anthony Hopkins sagte, nachdem er das Skript gelesen hatte: "Das ist mein Leben!" Das Drama eines Alkoholikers kannte er aus seiner Familie. Die Filmfigur ist clean, geht aber nach wie vor zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker. Hopkins nahm sich vor, "ich werde den Text mischen". So sprach er erst den Drehbuchtext und erzählte dann eine wahre Geschichte aus dem Leben über den Tag, als die Person, die er kannte, aufhörte zu trinken. Schließlich kam er wieder zum Drehbuch zurück. Es war grandios, wie Jazz, du hast ein Thema, dann improvisierst du und kommst zurück zum Thema.

Wie sah die Kameraarbeit aus?

Adriano Goldmann ist ein alter Freund von mir. Wir arbeiten zusammen, seit ich meine Produktionsfirma gegründet habe. Wir wollten, dass der Film naturalistisch wirkt, nicht wie in meinen anderen Filmen, wo es harte Kontraste gibt. Die Charaktere standen im Mittelpunkt, ich wollte viel von den Gesichtern auf der Leinwand sehen.

Der Film zeigt Mobilität, die Protagonisten sind unterwegs, in Autos, Bussen, Flugzeugen …

Die Charaktere sind ständig von einem Ort zum anderen unterwegs. Das war für mich die größte Herausforderung, ihre Geschichten zusammenhängend zu verbinden, denn ich befürchtete, der Film könnte wie ein Kurzfilm-Festival aussehen.

Woran arbeiten Sie jetzt?

Ich drehe Serien für das brasilianische Fernsehen. Dort sitzen zur Prime Time bis zu fünfzig Millionen Zuschauer, einen Film sehen nur einige Tausend. Fernsehen ist im Moment hoch spannend. Bei einer Serie kann ich einzelne Charaktere oder den Plot komplex entfalten. Zuletzt drehte ich "Sound and Fury", die Adaption einer kanadischen Tragikomödie. Es geht um eine Theatercompany, die Shakespeare aufführt. Alles, was auf der Bühne passiert, spiegelt sich im Leben backstage wider.

Wie entwickeln sich im Schwellenland Brasilien Film und Fernsehen?

Im letzten Jahr wurden über hundert Spielfilme in Brasilien produziert, zehn Jahre zuvor waren es sieben, acht Filme, das heißt wir erleben einen unglaublichen Boom. Das Kulturministerium fördert die Filmindustrie, das Geld fürs Fernsehen gibt die Privatwirtschaft. Ein neues Gesetz sorgt jetzt dafür, dass amerikanische Kabelsender wie Warner und Fox TV, die bislang internationale Shows brachten, brasilianische Programme für die Prime Time produzieren müssen, das sind über 1000 Stunden pro Jahr! Der Markt explodiert. Sie suchen brasilianische Stoffe, viele 18-Jährige arbeiten als Regisseure. Das ist fantastisch.

Das Interview führte die deutsch-indische Regisseurin Susanne Gupta.

Fotos: © Prokino Filmverleih GmbH



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