Das Schwein von Gaza

Eine Sau als Friedenstaube

Kinostart: 2.8.2012 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Glück kann ein echtes Schwein sein. Jeden Tag fährt der palästinensische Fischer Jafaar hoffnungsfroh hinaus aufs Meer, jeden Tag kommt er bloß mit ein paar mickrigen Sardinen zurück. Das reicht nicht zum Überleben, erst recht nicht im Gazastreifen. Es gibt viel zu wenige Fische im begrenzten Fanggebiet vor der Küste und zu viele wie Jafaar in der von Kämpfen zerrütteten Region, denen aus Mangel an Alternativen kaum etwas anderes übrig bleibt, als die Netze auszuwerfen. Eines Tages aber zieht Jafaar ein Schwein aus dem Wasser. Das ist nicht nur seltsam, sondern kurios genug für eine schöne kleine Träumerei.

Der französische Journalist und Fotograf Sylvain Estibal hat sich in seinem Debütfilm nichts Geringeres vorgenommen, als mit einem Schwein als "Friedenstaube" den Nahostkonflikt auseinanderzunehmen und – wenn man ihn schon nicht lösen kann – diesem zumindest mit einem lachenden Auge zu begegnen. Seine Hauptfigur Jafaar hingegen findet den ungewöhnlichen Fang erst einmal alles andere als witzig. Mit dem im Islam als unrein geltenden Tier kann er sich nirgendwo blicken lassen und auch bei den Israelis jenseits der Grenze lässt sich damit kein Pfennig machen, müssen doch Schweine dort Socken tragen, um den heiligen Boden nicht zu beschmutzen.

Das ist eine der ersten, teilweise etwas banalen Gemeinsamkeiten zwischen den verfeindeten Völkern, die Estibal in diesem Film präsentiert. Damit schwächt er einerseits Differenzen ab, andererseits nimmt er eben jene absurden Lösungen aufs Korn, auf die der Respekt egal welcher Regeln manchmal hinauslaufen kann. "Das Schwein von Gaza" macht sich außerdem über viele andere Dinge und vor allem ganz demokratisch über jeden lustig, angefangen bei fundamentalistischen Palästinensergruppen über israelische Grenzsoldaten und internationale Hilfsorganisationen bis hin zum trotteligen Jafaar, dem es gelingt, heimlich einen lukrativen Schweinesperma-Handel mit einer russisch-jüdischen Siedlerin aufzuziehen.

Hier lässt Estibal allerdings eher den Klamauk hochleben als die Völkerverständigung. Das erhöht zwar den grenzüberschreitenden Unterhaltungswert – über Tiere und Körperflüssigkeiten wird ja vielerorts gelacht –, aber lässt den Film mitunter ins Triviale vorstoßen. Dafür sezieren nebensächlichere Szenen den alltäglichen Wahnsinn des Nahostkonflikts mit mehr Raffinesse, so dass sich Anspruch und Blödsinn die Waage halten. "Das Schwein von Gaza" hat etwas hoffnungsvoll Entwaffnendes – wie Jafaar. Ihm und der Story des Films bleibt nur eines übrig: die Flucht nach vorn in den Traum vom Frieden.
Marguerite Seidel

(Le Cochon de Gaza) Frankreich, Deutschland, Belgien 2011, Buch & Regie: Sylvain Estibal, mit Sasson Gabai, Baya Belal, Myriam Tekaïa, Gassan Abbas, Khalifa Natour, Lotfi Abdelli u.a., 98 min, Kinostart: 2. August 2012 bei Alamode

Foto: © Alamode



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