Rum Diary

Trunken unter Palmen

Kinostart: 2.8.2012 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Puerto Rico, 1959. Während Castro und Compañeros ein paar hundert Kilometer weiter westlich auf Kuba Revolution machen, herrscht auf dem zu den USA gehörenden Eiland Goldgräberstimmung: Das Festlandskapital hat die Karibikinsel mit ihren weißen Traumstränden und reichen Bodenschätzen als neues El Dorado ausgemacht. Und so tummeln sich dort windige Businesstypen und vergnügungssüchtige Jetset-Leute aus dem Norden. Die einen, um ihre Claims abzustecken. Die anderen, um in den neuen Yachthäfen und Luxushotels dem süßen Leben zu frönen.

Amis in Puerto Rico

Der Boom zieht aber nicht nur superreiche "Yankees" an. Auch der New Yorker Jungjournalist Paul Kemp (Johnny Depp), vom Trubel in Big Apple und seiner Lust auf Hochprozentiges aus der Bahn geworfen, sucht sein Glück auf der Insel und heuert in der Hauptstadt beim San Juan Star an. Kaum angekommen, muss Kemp allerdings erkennen, dass er bei einem abgehalfterten Blatt gelandet ist, dessen Team überwiegend aus versoffenen Zynikern und verwahrlosten Wirrköpfen besteht und das von einem Choleriker herausgegeben wird, den einzig das finanzielle Überleben seiner Zeitung umtreibt. Um lokale Größen und die weiße Leserschaft nicht zu vergrätzen, unterbindet er deshalb jegliche Berichterstattung über die soziale Notlage der Einheimischen.

Aber auch die karibische Hitze und der billige Rum tragen das ihrige dazu bei, dass Kemp seine beruflichen Ambitionen bald sausen lässt und mehr Zeit mit den Kollegen in Bars verbringt als an der Schreibmaschine. Der Rest seines journalistischen Ethos droht schließlich über Bord zu gehen, als er den einflussreichen Geschäftsmann Sanderson (Aaron Eckhart) kennenlernt, der ihn überredet, im Auftrag eines zwielichtigen US-Investors eine Werbebroschüre für ein riesiges Bauprojekt auf einer noch unberührten Nachbarinsel zu schreiben. Doch Alkohol und Geld sind nicht die einzigen Lockungen, denen Kemp schwer widerstehen kann. Und so fangen seine Probleme erst richtig an, als ihm Sandersons schöne Geliebte (Amber Heard) über den Weg läuft.

Nach dem Debütroman von Hunter S. Thompson

Spätestens seit seiner denkwürdigen Performance als drogenumnebelter Sportjournalist Raoul Duke in Terry Gilliams überdrehter Hunter-S.-Thompson-Verfilmung "Fear and Loathing in Las Vegas" (1998) hängt Johnny Depp nicht mehr nur der Ruf eines talentierten Schönlings an, sondern auch der des Kinoexzentrikers. In "The Rum Diary", dem Thompsons lange verschollener gleichnamiger Debütroman zugrunde liegt, verkörpert Depp nun erneut das Alter Ego des 2005 verstorbenen Kultautors und legendären Begründers des Gonzo-Journalismus, mit dem der Schauspieler eng befreundet war. Allerdings fällt Depps Auftritt etwas weniger bizarr aus als in Gilliams anarchischem Filmtrip. Und überhaupt: Wer ein "Fear and Loathing in Puerto Rico" erwartet, dürfte von dem von Bruce Robinson souverän inszenierten Film überrascht sein.

Dass "Rum Diary" verglichen mit seinem Vorgänger eher unaufgeregt und zumindest vordergründig ein wenig altmodisch wirkt, mag – wie die schwachen Einspielergebnisse in den USA vermuten lassen – manchen "Fear and Loathing"-Fan enttäuschen. Den (selbst-)ironischen Ton von Thompsons autobiografisch inspiriertem Erstling, in dem vom radikal subjektiven Gonzo-Stil seiner späteren Arbeiten noch wenig zu spüren ist, trifft der Film in seiner unterhaltsamen Melange aus Komödie, Satire, Drama und Thriller jedoch ausgezeichnet. Und dass Robinson, der erstmals seit "Jennifer 8" (1992) wieder Regie führte und auch das Drehbuch schrieb, auf allzu forciertes Tempo und originelle Mätzchen verzichtete und stattdessen Situationen und Charakteren Raum zur Entfaltung ließ, belohnten auch seine Darsteller mit fabelhaften Darbietungen. So brillieren Michael Rispoli, Richard Jenkins und allen voran Giovanni Ribisi neben Johnny Depp als journalistische Grenzgänger am Rande des Wahnsinns.

Verlust der Unschuld

Auch visuell hat "Rum Diary" einiges zu bieten. So wurde der Film, um die Atmosphäre der 1950er-Jahre und des Schauplatzes überzeugend auf die Leinwand zu bringen, vor Ort auf Puerto Rico gedreht – und zudem auf 16-Millimeter-Filmmaterial, was dem Geschehen eine farbenfrohe Retro-Optik verleiht. Dass es den Filmemachern dabei aber nicht bloß um Schauwerte ging, sondern vor allem auch darum, Kemps Geschichte sichtbar mit der weltpolitischen Situation der Eisenhower-Ära zu verbinden, offenbart sich schon in den ersten Bildern des Films, in denen ein knallrotes Propellerflugzeug zu den Klängen des italienischen Ohrwurms "Volare" am wolkenlos blauen karibischen Himmel entlangsaust. Das Banner, das es so fröhlich hinter sich herzieht, heißt den US-Chemiekonzern Union Carbide auf Puerto Rico willkommen. Ganz nebenbei erzählt "Rum Diary" auch von der rücksichtslosen globalen Expansion des US-amerikanischen Kapitalismus während des Kalten Kriegs – zu einem Zeitpunkt also, als das Sendungs- und Selbstbewusstsein der USA noch weitgehend ungebrochen war. Dass die Kapitalismuskritik im Film deutlicher als im Roman ökologisch angehaucht ist, verlinkt sie freilich auch mit der Gegenwart.

Vom Verlust der Unschuld handelt "Rum Diary" aber natürlich zunächst einmal weniger auf staatlicher, sondern auf individueller Ebene. So steht Kemp vor der Wahl: Findet er zu seinen journalistischen Idealen zurück und nimmt dafür eine Existenz in Kauf, die kaum materielle Sicherheit und schon gar keinen Luxus erwarten lässt? Geht er stattdessen den vermeintlich bequemeren Weg und sucht sich ein vergleichsweise sicheres Auskommen als Zeilenknecht? Oder streckt er seine Finger nach dem Geld aus und verkauft sich gegen sattes Honorar ans Kapital? Fragen, denen sich allgemeiner formuliert letztlich fast jeder zu stellen hat. Dass der Film die Antwort darauf mit einer Liebesgeschichte verknüpft, ist sicherlich nicht besonders originell, lässt sich aber verschmerzen. Ungewöhnlicher erscheint dagegen, dass Johnny Depp, zur Zeit der Dreharbeiten immerhin schon 48 Jahre alt, einen vielleicht 30-jährigen Jungjournalisten spielt. Die frohe Botschaft an seine Fans: Es funktioniert!

(The Rum Diary) USA 2011, Buch & Regie: Bruce Robinson nach dem gleichnamigen Roman von Hunter S. Thompson, mit Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard, Richard Jenkins u.a., ab 12, 120 min, Kinostart: 2. August 2012 bei Wild Bunch

Fotos: © Wild Bunch Germany

Jörn Hetebrügge ist Filmjournalist in Berlin.



Mehr Infos zu "Rum Diary"

Die deutsche Webseite zu "Rum Diary"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Rum Diary" auf filmz.de




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