"Wir brauchen mehr Schweine!"

Der Palästina-Konflikt als schwarze Komödie

31.7.2012 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jafaar, der nie auch nur einen Fisch fängt, hat eines Morgens am Strand von Gaza plötzlich ein riesiges Hängebauchschwein im Netz – furchtbar für ihn, denn Schweine gelten bei Moslems wie auch bei Juden als unreine Tiere. Die kluge Komödie über einen vom Pech verfolgten palästinensischen Fischer in Gaza gewann unter anderem den französischen Filmpreis "César" als bester Debütfilm und wurde auf dem Tokio International Film Festival 2011 mit dem Publikumspreis geehrt. Regisseur Sylvain Estibal, der auch als Journalist, Autor und Fotograf arbeitet, trifft kurz vor der deutschen Filmpremiere in Köln seinen Produzenten Wolfgang Müller zum fluter-Interview.

Susanne Sitzler: "Das Schwein von Gaza" ist ein Titel, der aufhorchen lässt. "When Pigs Have Wings" lautet der englische Titel. Wie glücklich sind Sie mit dem deutschen?

Sylvain Estibal: Ich bin sehr glücklich damit, denn "Das Schwein von Gaza" entspricht dem französischen Titel, "Le Cochon de Gaza", und den hatten wir zuerst. Meine Idee war es, zwei Dinge zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammenpassen – etwas Verwirrung zu stiften und mit dem Titel auch zu provozieren.

Wenn man den Film sieht, kann man erahnen, wie viel Spaß Sie und das Team am Set gehabt haben müssen. Ihr Humor ist manchmal recht albern, manchmal tiefschwarz. Warum ist es so wichtig, zu lachen?

Estibal: Weil die Situation dort im Gazagebiet so traurig ist, dass man nur darüber lachen kann (lacht). Inzwischen haben mir sowohl Israelis als auch Palästinenser gesagt, dass sie wirklich froh sind, einmal über ihre Situation lachen zu können. Ich wollte, dass lustige Dinge in einer realistischen Umgebung passieren. Mein Film ist eine Art Mix aus Realismus und Märchen – und dabei komisch.

Ist Humor heilsam?

Estibal: Ja! Und der Humor schafft eine Verbindung zwischen den Feinden, er bildet eine Brücke, weil beide Seiten ihr Lachen teilen können.

"Das Schwein von Gaza" ist Ihr erster Spielfilm und bislang sehr erfolgreich. Warum haben Sie gleich so ein brisantes Thema gewählt? Hatten Sie keine Angst, einige Szenen könnten missverstanden und gegen Sie verwendet werden?

Estibal: In Frankreich ist die Situation zwischen beiden Lagern sehr angespannt: Wir haben dort etwa die Association France-Palestine Solidarité, die sich für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung einsetzt. Wir fürchteten Proteste vor den Vorführungen, zum Glück ist das nicht passiert. Mit meinem Film wollte ich zeigen, wie sich der politische Konflikt in Nahost auf das Alltagsleben auswirkt. Es ist ein Film über "normale" Leute und auch ein wütender Film. Ich wollte Position beziehen und meine Haltung zum Ausdruck bringen. Natürlich war das riskant – aber das muss man akzeptieren.

Müller: Ich fand es faszinierend, mit dem Nahost-Konflikt auf eine solche Art und Weise umzugehen. Wir sehen täglich Nachrichten aus der Region, das Alltagsleben der Menschen gerät aber völlig in den Hintergrund. Wie lebt man dort eigentlich? Das habe ich noch nie so gelesen oder gesehen.

Haben Sie sich in Ihrem Film mehr auf die eine oder andere Seite geschlagen?

Estibal: Nein, auch wenn das einige behaupten. Natürlich lachen wir über die Araber in dem Film, gleichzeitig aber ist unsere ganze Empathie auf den Fischer in Gaza gerichtet. Ich wollte eine Balance finden, denn beide Seiten sind in gewisser Weise Opfer des Konflikts. Die Palästinenser leiden möglicherweise mehr. Trotzdem sind alle gefangen in einer absolut absurden Situation. Diese Absurdität wollte ich noch auf die Spitze treiben, etwa in der Szene, wenn der israelische Soldat gemeinsam mit der Palästinenserin Telenovelas schaut.

Glauben Sie, eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern ist möglich, wie Sie es am Schluss Ihres Films andeuten?

Estibal: Viele denken, der Schluss ist zu gefällig, vielleicht sogar naiv. Ich empfinde das nicht so und auch die Palästinenser und Israelis nicht, mit denen ich darüber gesprochen habe. Zu zeigen, dass Frieden möglich ist, empfinden sie als starkes Statement. Um das zu erreichen, muss man kämpfen, auch die ganz normalen Leute – das zeigt das Ende des Films.

Der Film ist auf Malta entstanden. Hätten Sie überhaupt im Gazagebiet drehen können?

Müller: Die Bedingungen dort sind sehr schwierig, besonders wenn man mit einem großen Team arbeitet. Es gibt natürlich auch ein Sicherheitsproblem. Für uns schied ein Dreh vor Ort aber außerdem aus, weil wir Probleme bekommen hätten mit dem Transport der Tiere – also der Schweine.

Welche Botschaft trägt der Film?

Estibal: Die weiße Friedenstaube reicht nicht mehr aus – wir brauchen mehr Schweine. Wir brauchen das schwarze Schwein, um Frieden zu erreichen! (lacht)

Susanne Sitzler ist Journalistin in Köln und arbeitet sowohl für Printmedien als auch fürs Radio.

Foto: © Christopher Adolph

Filmstills: © Alamode Filmverleih



Hier ist die Website zum Film "Das Schwein von Gaza".

Hintergrundinformationen der Bundeszentrale für politische Bildung zum Gaza-Konflikt





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)