Fallschirmspringer bei Landsberg
Ein spinnenhaftes Gefüge aus Roboterarmen fertigt sein Produkt mit mechanischer Präzision. Eine Kolonne von Menschen zieht über eine Brücke ein in den Wallfahrtsort Altötting. In der Allianz-Arena schieben sich die Spieler in den ersten Sekunden des Matches den Ball im Mittelkreis zu. Und über der Gedenkstätte im ehemaligen KZ Dachau liegt Stille.
In Joseph Vilsmaiers Bilderbogen, der nur knapp zur Hälfte vor Redaktionsschluss der Presse gezeigt werden konnte, sieht Bayern so aus. Es ist kein homogenes, mit Gewalt auf Einheitlichkeit getrimmtes Bild und auch kein so abstrakt distanziertes Spektakel wie die zahlreichen Filme und Fernsehdokumentationen, die in jüngster Zeit das Land "von oben" gezeigt haben. Vilsmaier wollte nicht nur die Schönheit der Wiesen und Berge feiern, selbstverständlich tut er das auch, und nicht zu knapp, aber: Ihm ging es um eine möglichst facettenreiche Darstellung seiner Heimat.
Das heißt auch, dass er mit der Kamera tief in die vom Leben gezeichneten, aber keineswegs verzweifelten Gesichter in einer Münchner Obdachlosenküche blickt und kurz die Menschen beim Einsteigen an einem eher schäbigen U-Bahnhof beobachtet. Doch diese Momente bleiben Feigenblätter: Er habe sonst nichts Negatives in Bayern entdecken können, gibt Vilsmaier unverblümt zu.
Damit bringt er seinen rein ästhetischen Heimatbegriff auf den Punkt – Bayern ist im gezeigten Teil des Films nur Fetisch und Oberfläche. In einer Maschinenbauschmiede – der Industriestandort lag dem Regisseur besonders am Herzen – gibt es glühendes Licht zu sehen und ein Feuerwerk aus Funken. Schweiß, Tränen, Hitze dagegen: Fehlanzeige.
Hannes Burger, der über zwanzig Jahre lang die Texte für das alljährliche satirische "Derblecken" beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg geschrieben hat, besorgte den historisch kundigen Kommentar, der wohl akustische Widerhaken setzen sollte in der Glätte der Bilder. Wenn Vilsmaier etwa die schlanken stählernen Leiber der Maschinen der Luftwaffe zelebriert, hört man dazu: "Was da von Landsberg aus vom Himmel geworfen wird, das sind keine illegalen Zuwanderer, sondern tapfere bayerische Fallschirmjäger."
Die Irritation währt nur kurz, die Macht der Bilder behält stets die Deutungshoheit darüber, wie man das Ganze denn nun zu finden habe. Nämlich schön. Zweifelsohne hat Vilsmaier einen schönen Film gemacht – und wird der inneren Vielfalt des Freistaates gerade deshalb nicht gerecht.
Tim Slagman
Bavaria - Traumreise durch Bayern, Dokumentarfilm, Deutschland 2012, Buch & Regie: Joseph Vilsmaier, 92 min, Kinostart: 26. Juli 2012 bei Concorde
Foto: © 2012 Concorde Filmverleih GmbH
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