Allein die Wüste

Stille Tage in der Sahara

Kinostart: 19.7.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Wüstentrip mit offenem Ende? Ganz allein, nur mit einem Zelt, einer Kamera, 90 Wasserflaschen und genügend Lebensmitteln im Kofferraum des Jeeps? Das hat den Geschmack vom großen Abenteuer, vom Risiko und der Gefahr des Ungewissen. Nicht aber für Filmemacher Dietrich Schubert, der für seinen filmischen Selbstversuch "Allein die Wüste" genau diesen Trip gemacht hat. In den Szenen aus dem Ein-Mann-Camp in der marokkanischen Sahara passiert nicht allzu viel. Tiefenentspannt spricht er mit amüsanter Ernsthaftigkeit seine Gedanken und Beobachtungen in die Kamera oder aus dem Off. Wiederholt berichtet er von seinen bizarren, wilden Träumen. Einmal träumt er von vergewaltigten Aborigine-Frauen, für die er dann ein Rettungscamp einrichtet. Mehrfach findet er lobende Worte für die Akazie, die ihm täglich Schatten spendet. Immer wieder beschäftigen ihn seine Tiernachbarn: der Mula-Mula-Vogel, der täglich seine Ration Rosinen abholt. Und "Herr Maus", dem Schubert zwar regelmäßig was von seinem Couscous abgibt. Wegen nächtlicher Ruhestörung kündigt er dem Nager aber fast die Freundschaft. Abgesehen davon schwenkt Schubert ausführlich durch die Wüstenlandschaft und lauscht der Stille – wenn nicht gerade der Wind das Zelt flattern lässt.

Details über die alltäglichen Verrichtungen in der Wüste klingen nur an und werden in den meisten Fällen nicht gezeigt, sondern von Schubert erklärt. Ob der Verzicht auf viele Komforterrungenschaften der Zivilisation überhaupt seine Spuren bei ihm hinterlässt, kann man allerdings nicht wirklich sagen. Gut, der tagelang andauernde Sandsturm stresst ihn, wie er sagt. Aber sonst? Hängt ihm das Dosenessen irgendwann zum Hals raus? Wie steht es mit der limitierten Hygiene in der Wüste und dem Sand, der einfach überall am Körper ist? Und wie stark ist der Kommunikationsentzug? Ja, gleitet er in der Einsamkeit vielleicht sogar langsam in den Wahnsinn? Schubert scheint all das nicht sonderlich zu jucken. Gegen Ende sinniert der Filmemacher zwar über Selbstmord. Was ihn aber letztlich wieder in die Zivilisation zurückzieht, ist weit weniger dramatisch und ganz einfach die Sehnsucht nach Stadt, Menschen und einer Dusche. Schubert beendet sein Experiment in der Abgeschiedenheit nach fünf Wochen. Statt eines Abenteuers und einer spannenden Grenzerfahrung gab es Ereignisarmut, die bei einem wochenlangen Aufenthalt in der Wüste aber doch noch einmal etwas ganz anderes ist als bei einem 85-minütigen Kinotagebuch.
Sascha Rettig

Allein die Wüste, Dokumentarfilm, Deutschland 2011, Buch & Regie: Dietrich Schubert, mit Dietrich Schubert, 85 min, Kinostart: 19. Juli 2012 bei Real Fiction

Foto: © Dietrich Schubert



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