Guilty of Romance

Nachts, wenn es dunkel wird

Kinostart: 19.7.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eine Frau will den Müll rausbringen. Weil sie die Müllabfuhr aber knapp verpasst, muss sie dem Wagen mit ihren Tüten hinterherlaufen – bis sie sich in einem Viertel wiederfindet, in das sie normalerweise keinen Fuß setzen würde. So etwas kann im brodelnden Tokioter Stadtteil Shibuya schnell passieren. Abseits der großen Einkaufstraßen verliert sich der Glamour der Metropole in engen Gassen, in denen man es mit der öffentlichen Moral nicht so genau nimmt. Hier ermittelt die Kommissarin Kazuko in einer vermeintlichen Mordserie. Ein Witzbold drapiert die Körper seiner Opfer mit den Extremitäten von Schaufensterpuppen. Die Spur führt ins Nichts – obwohl Kazuko im Milieu der Liebeshotels keine Unbekannte ist. Tagsüber arbeitet sie als Hüterin von Recht und Ordnung, nachts bietet sie sich als willfähriges Sexobjekt an. Und sie ist in Sion Sonos "Guilty of Romance" nicht die einzige Protagonistin mit einem Doppelleben. Auch die angesehene Literaturwissenschaftlerin Mitsuko und die brave Hausfrau Izumi, Ehefrau eines erfolgreichen Schriftstellers, leben, wenn es dunkel wird, ihre geheimen Begierden aus. Kazukos Ermittlungen führen die drei Frauen zusammen.

Nach Sonos in jeder Hinsicht ausuferndem "Love Exposure" geht es in "Guilty of Romance" nun härter und düsterer zur Sache. Der Thrillerplot dient dabei nur als Vorwand für voyeuristische Blicke auf die sexuellen Vorlieben seiner Figuren. Sex wird in "Guilty of Romance" als Mittel der Zurichtung und gleichzeitig der Emanzipation, dem Ausbruch aus den Konventionen der japanischen Gesellschaft, verstanden. Izumi rückt ihrem Mann abends die Pantoffeln zurecht, Mitsuko unterrichtet tagsüber an der Universität. Als sie sich nachts in den Seitenstraßen von Shibuya begegnen, nimmt die Akademikerin das naive Mädchen mit auf einen Trip aus Sex und Gewalt. Mitsuko erklärt Izumi, wie die Rollen von Unterdrücker und Unterdrückter verkehrt werden können.

Sono schwebt mit "Guilty of Romance" eine eigenartige Form der weiblichen Emanzipation vor. Die japanische Gesellschaft ist sogar noch verklemmter als angenommen, wenn dem Zuschauer Nymphomanie tatsächlich als Selbstermächtigung verkauft werden soll. Im Gegensatz zu seinem großartig verspielten "Love Exposure" setzt Sono dieses Mal auf vordergründige Effekte, vor allem durch die für das japanische Kino immer noch ungewöhnliche frontale Nacktheit. Doch die Sexszenen sind eher grotesk als abgründig. Es wird viel geschrien und hysterisch gelacht, selbst beim Kopulieren. Einer These will der Film nicht folgen, was "Guilty of Romance" letztlich sein gesellschaftskritisches Potenzial nimmt. Man kann das alles amüsiert über sich ergehen lassen und muss sich dennoch wundern, wie wenig sich das japanische Kino in seiner Vorstellung von nicht-normativen Sexualpraktiken seit "Tokyo Decadence" (1992) verändert hat.
Andreas Busche

(Koi no tsumi) Japan 2011, Buch & Regie: Sion Sono, mit Megumi Kagurazaka, Miki Mizuno, Makoto Togashi, Kanji Tsuda, Ryô Iwamatsu u.a., OmU, ab 18, 144 min, Kinostart: 19. Juli 2012 bei Rapid Eye Movies

Foto: © Rapid Eye Movies



Mehr Infos zu "Guilty of Romance"

"Koi no tsumi" - die offizielle Filmwebseite (japanisch)
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