Man for a Day

Verwandlungen

Kinostart: 19.7.2012 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Gefühlte Millionen von Ratgeberbüchern beschäftigen sich mit der Frage, warum Frauen und Männer nicht zusammenpassen, so unterschiedlich sind und warum man das andere Geschlecht (meistens das männliche, da solche Ratgeber meist Frauen kaufen) nicht verstehen kann oder warum Männer erfolgreicher sind als Frauen. Für die meisten Frauen ist das der Hauptgrund, einen der Workshops "Man For a Day" der Performancekünstlerin und Gender-Aktivistin Diane Torr zu besuchen, die sie seit über zwanzig Jahren weltweit anbietet. Mit ihrer bekanntesten Figur Danny King, einem untersetzten Durchschnittsamerikaner im Anzug und mit Oberlippenbärtchen, tritt Torr bereits seit fast dreißig Jahren auf und macht sich lustvoll und ironisch über typisch männliche Verhaltensweisen her. Vergnüglich demaskiert sie sie, ohne sich dabei einfach nur lustig zu machen. Denn hinter all dem steckt ein ernster Kern. Torr ist seit den 1980er-Jahren aktiv in der Frauenbewegung tätig, und ihre Performances sind ihr augenzwinkernder Beitrag dazu.

Rollentausch als Selbsterfahrung

Die Teilnehmerinnen ihres Workshops, den Katharina Peters in ihrer gleichnamigen Dokumentation "Man for a Day" zeigt, sind aber keineswegs nur grimmige Emanzen oder "Mannsweiber". Es sind ganz normale Frauen jeden Alters, darunter eine Berliner Göre und Gewinnerin von Misswahlen, eine dreifache alleinerziehende Mutter, eine Schauspielerin, eine Politikberaterin und eine geschiedene Frau. Alle haben unterschiedliche Motivationen an diesem Kurs teilzunehmen. Eines ist ihnen aber gemeinsam: die Neugier, wie es ist, in der Haut eines anderen zu stecken, und vielleicht auch mehr über sich selbst zu erfahren.

Bei dem Workshop geht es nämlich nicht darum zu lernen, wie man ein Mann wird. Es geht darum, männliches Verhalten und dessen Wahrnehmung durch die Umwelt zu verstehen und das später gegebenenfalls für den eigenen Alltag zu nutzen. Denn dieses Verhalten, das größtenteils die Geschlechterrollen definiert, ist vor allem erlernt und nicht angeboren. Das fängt damit an, dass Frauen meistens für ihre Stimmlage zu hoch und zu leise sprechen. Sie müssen freundlich und zuvorkommend sein und lächeln. Wer als Frau schon einmal versucht hat, in Männermanier breitbeinig irgendwo zu sitzen, weiß, dass die Aneignung scheinbar "fremder" Muster nicht unbedingt akzeptiert oder schlimmstenfalls falsch interpretiert wird. Eine der Frauen nennt es treffend die "Windstille", die sich häufig um Männer bildet, wenn sie sich durch den Raum bewegen. Männer werden wesentlich weniger beobachtet als Frauen und müssen nicht so viel Zeit aufwenden, sich für die Umwelt repräsentabel zu machen. Zeit, die sie für sich nutzen können.

Männliche Präsenz lernen

Aber bis die Frauen in den Genuss dieser Windstille kommen können, müssen sie sich ein männliches Alter Ego erschaffen. In der Kürze der Zeit reicht es zwar nur zu Stereotypen, aber es geht hier mehr oder weniger "nur" um die stimmige Oberfläche. Sie suchen sich Kleidungsstücke aus und erfinden einen dazu passenden Typ. Das ist mal der Ex, mal der Typ, den sie im Alltag attraktiv finden, oder jemand, den sie auf der Straße beobachtet haben. Ein wenig Schauspiel-Grundkurs gehört dazu, wenn sie glaubhaft die Männerrolle spielen wollen. Mit den Klamotten ist es aber nicht getan. Schön gepflegte Frisuren oder lange Haare müssen in Unordnung gebracht, Brüste abgebunden und Bärte so lange platziert werden, bis ihnen ein Mann aus dem Spiegel entgegenschaut. Am meisten Vergnügen bereitet aber die Peniskonstruktion mit Kondomen und Watte.

Nach der optischen Verwandlung kommt der eigentlich interessante Teil: Es geht um Gesten, Blicke und was dahinter steht. Torr macht es den Frauen als Bühnenfigur Danny King vor. Obwohl er ein nicht besonders großer oder attraktiver Durchschnittsmann ist, nimmt er allein durch sein Verhalten, seine Präsenz den Raum ein. Danny ist einer, der genau weiß, was er tut und warum und das vor seinem äußerst amüsierten weiblichen Publikum kundtut.

Rollenbilder hinterfragen

Der Film kann natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus Diane Torrs Arbeit zeigen. Man erfährt jedoch genug über sie und ihre Motivationen, denn ihre Biografie ist ebenso spannend wie ihre Performances. Bereits in ihrer Kindheit musste sie genau auf Stimmungsschwankungen und verräterische Gesten des alkoholkranken Vaters achten. Später in den 1980er-Jahren arbeitete sie als Gogo-Tänzerin und hatte dabei genügend Gelegenheit männliches Verhalten zu studieren. Die Geburtsstunde ihres Alter Egos war jedoch reiner Zufall. Nach einem Foto-Shooting als Drag King reichte die Zeit nicht mehr, sich für eine Vernissage umzuziehen. Torr ging in Männerkleidung dorthin und bemerkte, wie anders und respektvoller die Anwesenden auf den vermeintlichen Kerl reagierten.

Hauptsächlich geht es Peters in ihrem Film aber um die Kursteilnehmerinnen und deren stückweise Verwandlung. Eine Woche Stimm- und Lauftraining, in der die Frauen lernen, sich wie ein Mann zu setzen, zu laufen oder zu sprechen. Manche Protagonistinnen zeigt Peters auch in ihrem Alltag, etwa als politische Beraterin der Grünen im Bundestag, einem Beruf, in dem ohnehin mehr männliche als weibliche Eigenschaften gebraucht werden. Sie sprechen über ihre Erwartungen und wie der Workshop sie verändert. Schön ist auch, die Reaktionen der Familien nach der optischen Mannwerdung der Teilnehmerinnen zu beobachten. Gerne hätte man dennoch mehr Archivmaterial und Ausschnitte aus Torrs früheren Arbeiten gesehen und auch mehr über die Protagonistinnen erfahren. Für die Fülle an Material sind neunzig Minuten Film zu wenig. So bleibt der Film ein wenig unentschieden. Andererseits ist die beste Art Torrs Arbeit kennenzulernen, zu sehen, wie sie wirkt. Denn welche Frau oder welches Mädchen hat sich nicht schon mal gefragt, wie es ist, das Leben als Mann? Als Frau bekommt man direkt Lust, diese Verwandlung zum "Mann für einen Tag" selber einmal auszuprobieren, und macht sich noch mehr Gedanken über Geschlechterrollen als vielleicht ohnehin schon. Und Männern wird freundlich-subtil der Spiegel vorgehalten. Am Ende gehen zwei der Protagonistinnen lange nach Ende des Kurses in Drag in einen Stripclub und erobern sich damit neuen, unbekannten Raum. Zwar ist der Besuch von solchen Lokalen nicht unbedingt Ziel des Workshops, illustriert aber sehr gut seinen Sinn: Neues auszuprobieren und gesellschaftlich festgelegte Grenzen zu überqueren.

Man for a Day, Dokumentarfilm, Deutschland, Großbritannien, Finnland 2012, Buch & Regie: Katarina Peters, mit Diane Torr, Theresa Theune, Eva-Marie Torhorst, Tal Peer, Rosa Maria Dos Santos u.a., 96 min, Kinostart: 19. Juli 2012 bei Salzgeber

Fotos: © Salzgeber/Inga Knölke

Ingrid Beerbaum ist Filmjournalistin in Berlin.



Mehr Infos zu "Man for a Day"

"Man for a Day" - die offizielle Filmwebseite (deutsch, englisch)
"Man for a Day" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Man for a Day" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)