Diane Torr im Interview

Böser Mann, gute Frau, böse Frau, guter Mann?

19.7.2012 | Laura Méritt | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Berühmt wurde Diane Torr durch ihre "Drag King"-Performances und Workshops. Der Weg dorthin war lang: Aus dem wenig frauenbewegten Aberdeen in Scotland ging Diane Torr 1976 ins viel freiere New York. Der Film "Man for a day" porträtiert Diane, wir freuen uns über das Interview mit ihr.

Laura Méritt: Warum wollen Frauen sich als Männer verkleiden?

Diane Torr: Manche Frauen sind neugierig und wollen einmal den Mann rauslassen, sich frei bewegen oder ihre Vorstellung von Männlichkeit ausleben. Andere wollen zu beruflichen Zwecken männliches Verhalten lernen, um diese Grundannahme eines Privilegs in allem ihrem Tun und Handeln auszustrahlen. Manche fühlen sich in dem ihnen zugewiesenen Geschlecht nicht wohl, haben eine "Geschlechts-Dysphorie" und möchten herausfinden, ob sie es ändern wollen. Andere wollen einfach nur Spaß haben oder mal ein Rollenspiel machen.

Wie läuft ein Diane-Torr-Workshop ab?

Als erstes lernst du, wie du ein Make-Up und eine Behaarung machst, Koteletten, einen 3-Tage-Bart oder Flaum. Dann werden die Brüste abgebunden, ein Schwanz gebaut, du suchst dir Kleidung aus und überlegst dir eine Biografie: Wer bist du, wie heißt du, Alter, Job, Status. Dann lernst du, wie ein Mann Raum einzunehmen, lernst gehen, essen, trinken, lachen. Wir spielen Szenen durch, geben Feedback und entwickeln den männlichen Charakter und die neue Identität. Dann geht es hinaus, in die Kneipe, die U-Bahn, in den Baumarkt oder die Autowerkstatt. Abschließend halten wir unsere Beobachtungen fest.

Sensibel die Gender-Wirklichkeit wahrnehmen – und ändern?

Was ist die Message?

Wenn du verstanden hast, dass die Definitionen von Mann und Frau kulturelle sind, wird es spannend. "Unfeminines" Verhalten kann dir ja auch zum Beispiel das Leben retten, wenn du dich bei einem Angriff wehrst und laut schreist. Ein Mann, der weint, zeigt Emotionen und offenbart etwas von sich. Im Workshop geht es nicht darum, in der Passschablone als Mann zu funktionieren, sondern zu hinterfragen, was als gegeben angenommen wird: Frauen machen Platz, gehen aus dem Weg, lächeln freundlich und nicken zustimmend, entschuldigen sich und legen den Kopf zur Seite. Wenn du möchtest, kannst du dein Verhalten verändern: beim nächsten Interview, in Lohnverhandlungen, in öffentlichen und privaten Diskussionen.

Es gibt eine lange kulturelle Tradition des FTM, des Female-to-male Cross Dressings, die du in der DIY-Bewegung (Do-it-yourself) ganz modern weiterführst.

Nur, dass in vergangenen Zeiten die Motive der Frauen andere waren, nämlich den Männern vorbehaltene Berufe zu wählen, Wissen zu erlangen, die Welt zu sehen. Viele Frauen waren als Männer bei der Armee oder sind zur See gefahren, was sehr gefährlich für sie war. Auch heute ist es Frauen in manchen Kulturen noch verwehrt, sich frei zu bewegen und auf die Straße zu gehen. "Drag" ist eine Möglichkeit, dem zu entkommen.

Was ist so faszinierend an "Gender Crossing" oder an der "Drag", an Verkleidung?

Je starrer und normierter die Geschlechterrollen sind und je festgelegter die Verhaltensvorschriften, umso stärker ist auch die Attraktion des sogenannten anderen Geschlechts und von allem, was nicht eindeutig zuzuordnen ist.
Da die Geschlechterrollen aber mit unterschiedlicher Macht ausgestattet sind, wird Crossdressing der Männer als witzig empfunden, bei Frauen eher als anmaßend oder lächerlich bewertet. Männer sehen es nicht gern, dass sie von Frauen nachgemacht werden und diese ihre Positionen übernehmen. Dabei erfordert die Performance ein genaues Studium und Talent. Vielleicht wird das Spiel mit den Geschlechtern hip.

In Großstädten existiert eine starke "queere" Szene, die "Transgender"-Bewegung breitet sich aus.

Die Frauenbewegung hat lange gegen eindeutige Zuweisungen, was "männliches" und "weibliches" Verhalten ist, gekämpft. Warum sollte es überhaupt nur zwei Geschlechter geben und wer definiert, was Geschlecht ist? Viele Menschen sind nicht einverstanden, dass die Genitalien, mit denen sie geboren wurden, ihr Leben und ihre Identität bestimmen. Das drückt sich in der Bezeichnung "transgender" aus. Oder sie wollen nicht in die eine oder andere Kategorie, was dann "Queer", also quer zur Norm genannt wird. Du kannst heute in einer Geschlechtsrolle aufwachsen und sie dann wechseln oder ganz ablegen. Du kannst die verschiedenen geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen bewusst einsetzen und sie kombinieren. Dann wird Geschlecht als das sichtbar, was es ist, eine Machtkonstruktion.

Dr. Laura Méritt ist Linguistin und Sex-Aufklärerin und hält freitags den Freuden-Salon für alle Geschlechter in Berlin.

Fotos: © Salzgeber/Inga Knölke



Die Website von Diane Torr




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