Babycall

Anna und die Angst

Kinostart: 12.7.2012 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Anna ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor dem Trauma, das ihr Ex-Mann ihr hinterlassen hat. Auf der Flucht vor den Wunden, die er ihrer Familie geschlagen hat. Gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn Anders zieht Anna in einen anonymen Wohnblock und versucht, nicht aufzufallen. Am liebsten wäre sie unsichtbar. Noch lieber wäre es ihr, Anders bliebe unter allen Umständen und immer in ihrer Nähe. Das geht aber freilich nicht. Der Junge muss in die Schule und besteht außerdem darauf, alleine in seinem Zimmer zu schlafen und nicht im Bett der Mutter. Also kauft die tief beunruhigte und schmerzhaft angespannte Anna ein Babyfon, damit sie wenigstens hören kann, ob Anders ruhig schläft. Dann allerdings empfängt das Gerät seltsame, ja grauenvolle Geräusche: Es hört sich an, als werde irgendwo in einer nahe gelegenen Wohnung ein Kind gequält. Die für sie zuständigen Sozialarbeiter glauben Anna nicht. Anders bringt einen merkwürdig schweigsamen Jungen mit nach Hause. Und Annas zaghafte Versuche, in der Normalität wieder Fuß zu fassen, drohen zu scheitern.

"Babycall", für den Regisseur Pål Sletaune auch das Drehbuch schrieb, ist ein packender und schwieriger Film über Kindesmisshandlung, erweiterten Selbstmord, Traumatisierung und Geisteskrankheit. Eine gewagte Kreuzung aus Psychothriller und Geisterfilm, die einen seltsam ineinander verwobenen Wahnsinns- und Erlösungszusammenhang entwirft. Dieser mag mitunter verwirrend und unnötig kompliziert erscheinen, allerdings lohnt es sich, ihm in seine Verästelungen nachzuspüren. Wobei die Frage angesichts so manch rätselhaften Ereignisses nicht lautet: Wie paranoid ist eigentlich Anna? Sondern vielmehr: Welche Botschaft überbringen ihr die Kinder? Und welche Rolle spielt Helge, der Verkäufer des Babyfons? Helge, der sich zaghaft mit der verstörten Anna anfreundet, ist eine Kontrastfigur, ein Spiegel. Ein trauriger, alleinstehender Mann, der seine im Sterben liegende Mutter im Krankenhaus besucht. Eine Mutter, die ihm Schreckliches angetan hat, als er klein war. So wie möglicherweise Anna Anders in ihrem Wahn etwas angetan hat oder noch antun wird.

Was ist wirklich? Was Einbildung? "Babycall" ist ein Spiel mit Wahrnehmungsebenen und nutzt am Ende zur Erklärung einen alten narrativen Trick. Zum alten Hut wird der Film dadurch dennoch nicht und das liegt vor allem an der großartig konzentriert spielenden Noomi Rapace in der Rolle der armen Anna.
Alexandra Seitz

Babycall, Norwegen, Schweden, Deutschland 2011, Buch & Regie: Pål Sletaune, mit Noomi Rapace, Kristoffer Joner, Vetle Qvenild Werring, Stig Amdam u.a., ab 12, 95 min, Kinostart: 12. Juli 2012 bei NFP

Foto: © 4 ½



Mehr Infos zu "Babycall"

"Babycall" - die offizielle Filmwebseite (norwegisch)
Die deutsche Webseite zu "Babycall"
"Babycall" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Babycall" auf filmz.de




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